Versonnene Töne: Der chinesische Pianist Xiaohu Xing gastierte beim Niestetaler Klavierfestival

In den Wald mit seinen Geheimnissen

Niestetal. Klavierabende können höchst unterschiedlich zu Ende gehen. Es kann stürmischen Beifall und laute Bravorufe geben. Oder einen mehr nachdenklich gestimmten Applaus, in dem sich ein geflüstertes „Wunderschön“ mischt.

Die zweite Variante beschloss den Auftritt von Xiaohu Xing beim Internationalen Niestetaler Klavierfestival. Kein Wunder, denn der 1981 geborene Chinese glänzte als reifer, uneitler Musiker und Experte der versonnenen Töne. Man hörte Xiaohu Xing einfach gern zu, wie er ohne Effekthascherei, ohne klangliche Verfettung eine fast unüblich ernste Werkauswahl spielte.

Kein Virtuosenfutter, dafür umso mehr Gedanken- und Gefühlsmusik bekamen die 130 Gäste im evangelischen Gemeindehaus Sandershausen geboten. Ein deutscher Abend mit Werken von Beethoven und Schumann war es, und einmal ging es in den deutschen Wald, in dem sich der Chinese wohl besser auskennt als mancher Einheimische.

Den Beginn machte Beethovens Klaviersonate A-Dur op. 101, die Romantiker wie Mendelssohn, Wagner und eben Schumann geliebt hatten, weil sie auf die romantische Epoche weist. Differenziert, ohne Übertreibungen schöpfte Xiaohu Xing die vielfältigen Tonfälle aus - die unendliche Melodie des Auftaktsatzes wie die gleichsam Schumann’schen punktierten Rhythmen des zweiten Satzes, den Sehnsuchtston im dritten Satz und die Kontrapunktik im Finale.

Insgesamt 13 Charakterstücke Schumanns, die Nachtstücke op. 23 und die Waldszenen op. 82 bildeten die kostbare Ergänzung. Voller subtiler Rätsel und feinsinniger Verrücktheiten sind diese Stücke. Auf gewisse Art verrückt ist beispielsweise die (als Zugabe wiederholte) Waldszene Nummer 3 „Einsame Blumen“.

Gar lieblich würde sie klingen, wären da nicht eingestreute Dissonanzen wie das schockierende Zusammentreffen der Töne B und H. Der deutsche Wald hat seine unergründlichen Geheimnisse.

Die nächsten Termine: • Heute, 19.30 Uhr: Leonie Rettig (Hochschule für Musik und Theater Hannover) u. a. mit Balladen von Chopin, einer Liszt-Sonate sowie Werken von Bach. • Sonntag, 19.30 Uhr: Werke für zwei Klaviere mit Susan Wang & Sarah Wang (Hochschule für Musik und Theater Rostock). Programm: Schubert, Saint-Saëns; Latin-American Dances (1991) von W. B. Recuerdos und Rhapsodie Espagnole von Ravel. • Montag, 19.30 Uhr: Yi Lu (Musikhochschule Trossingen) mit Werken von Haydn, Chopin, Mozart, Ravel und Prokofjew.

Von Georg Pepl

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