Konstantin Gropper alias Get Well Soon wurde als „German Wunderkind“ gefeiert, nun geht das Pop-Wunder weiter

Im Wald, da sind die Klangräuber

So wie dieses Bild aussieht, klingt auch die Musik von Get Well Soon: Aber in den melancholischen Liedern von Konstantin Gropper geht es nicht um Mädchen, die einem den Rücken zudrehen, sondern etwa um die Lehre Senecas. Klingt kompliziert, ist aber wunderschön. Foto: Oellermann / nh

Vor zwei Jahren wusste Konstantin Gropper nicht, wie es weitergehen würde in seinem Leben. Unter dem Pseudonym Get Well Soon hatte der damals 25-Jährige gerade sein Debütalbum mit schwelgerischem Pop, treibendem Gitarrenrock und flirrendem Balkan-Sound veröffentlicht, für das er euphorische Kritiken bekam. Trotzdem wusste er nicht, ob er jemals von seiner Musik würde leben können. Ein Jahr wollte er sein Projekt erst einmal durchziehen und dann weitersehen.

Heute sagt Gropper, dass er in den vergangenen 24 Monaten kaum an seine Zukunft gedacht habe: „Ich hatte keine Zeit, mir einen Kopf zu machen.“ Der Musiker aus einem kleinen Dorf in Oberschwaben gab umjubelte Konzerte in halb Europa, schrieb den Soundtrack für Wim Wenders’ Spielfilm „Palermo Shooting“ und Lieder für Detlev Bucks Drama „Same Same But Different“, das gerade in die Kinos gekommen ist. Der Absolvent der Mannheimer Popakademie wurde seinem Ruf als „German Wunderkind“ gerecht, als das ihn der englische „New Musical Express“ feierte.

Nun geht das Wunder weiter: Das Debüt „Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon“ war grandios, der heute erscheinende Nachfolger „Vexations“ ist noch grandioser, weil es nicht wie das übliche zweite Album nach dem großen Hype klingt. Gropper hat nicht einfach einige Hits geschrieben, sondern laut Plattenfirma ein „Konzeptalbum über den Stoizismus“, die Lehre von der emotionalen Selbstbeherrschung.

Der 27-Jährige muss sich ein bisschen beherrschen, wenn man ihn darauf anspricht. In Wirklichkeit war es nämlich so, dass er ein Buch des Philosophen Seneca fand, das einmal seinem Großvater gehörte. Gropper las viel über das Thema, collagierte die Texte neu, so dass man auf dem Album Homer, den Philosophen Peter Sloterdijk und den Regisseur Werner Herzog wiederfindet.

Das klingt, als hätte sich Gropper ein bisschen zu viel Gedanken gemacht. Aber „Vexations“ ist nicht verkopft, sondern funktioniert auch ohne den Überbau. Man kann sich einfach an der zerbrechlichen Schönheit der 14 Songs berauschen. Die melancholische Grundstimmung erzeugt der Multiinstrumentalist diesmal auch mit Xylofon, Marimbafon und Vibrafon.

Gropper lebt in Mannheim und Berlin, und manchmal kehrt er auch in seine Heimat zurück. Für das Intro hat er Geräusche im Wald hinter dem Haus seiner Eltern aufgenommen. Das Album endet mit einem Stück über den Fall des Römischen Reichs. Größer geht’s nicht.

In Oberschwaben sind sie stolz auf ihr „Wunderkind“. Wenn etwas über ihn in der „Schwäbischen Zeitung“ steht, freut sich die Oma, erzählt Gropper. Nur seine Freundin ist manchmal skeptisch. Angeblich hat Gropper noch nie weibliche Groupies gesehen: „Aber meine Freundin behauptet, es gäbe sie doch.“

Get Well Soon: Vexations (City Slang / Universal). Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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