Der zweite Teil von Frank Castorfs Bayreuther „Ring“

"Walküre" gehört den Sängern, dem Orchester - und dem Stummfilm

Todverkündigung vor Ölfass: Johan Botha (Siegmund) und Anja Kampe (Sieglinde) waren das bejubelte Paar des Abends. Foto: dpa

Der Regisseur Frank Castorf hatte es angekündigt: „Die Walküre“, der zweite Teil des Bayreuther „Rings des Nibelungen“, spielt in Aserbaidschan, wo vor mehr als 130 Jahren der Ölboom diesseits des Atlantiks begann.

Bühnenbildner Aleksandar Denic hat als riesige Holzkonstruktion einen Bohrturm samt geräumiger Halle und verwinkelter Treppen gebaut, die mittels Drehbühne immer neue Spielräume und Plateaus eröffnet. Diese Anlage erfährt in vier Stunden Spielzeit signifikante Veränderungen. Parolen in kyrillischer Schrift erscheinen, und am Ende prangt rot leuchtend der Sowjetstern am Bohrturm. Der Kontrast zum texanischen Motel des „Rheingolds“ könnte nicht größer sein.

Doch nicht nur die Schauplätze unterscheiden sich. Auch der Regiestil ist ein anderer. Castorf trägt der Tatsache Rechnung, dass die „Walküre“ über weite Strecken eine Oper der Dialoge ist. In seiner ruhigen, manchmal fast statischen Inszenierung gibt er den Sängern viel Raum. Und die nutzen ihn in schönster Weise.

Ungewöhnlich lautstark wurden Johan Botha (Siegmund) und Anja Kampe (Sieglinde) nach dem ersten Aufzug gefeiert. Mit feiner Nuancierung, aber auch mit enormer Durchschlagskraft hatten die beiden die scheue Annäherung und dann jubelnde Vereinigung des Zwillingspaares zelebriert. Stark kontrastiert vom tiefschwarzen Bass Franz-Josef Seligs als Finsterling Hunding, Sieglindes ungeliebtem Mann.

Ein Niveau, das Claudia Mahnke als Fricka und Wolfgang Koch als Wotan im berühmten Ehestreit der Götter um die Bestrafung des frevelnden Paares nicht ganz erreichten. Catherine Foster war eine widersprüchliche Brünnhilde: Zart, aber leicht unsicher bei der Verkündung von Siegmunds Tod, eindringlich im langen Dialog mit dem strafenden Wotan.

Der Dirigent Kirill Petrenko nahm sich größere Freiheiten als beim „Rheingold“. Wunderbar ruhevoll gestaltete er die Todverkündigung, packte aber diesmal auch kraftvoll zu, etwa im Vorspiel zum zweiten Aufzug. Dass am Ende Sänger und Musiker der feuchten Hitze im Festspielhaus Tribut zollen mussten, war unvermeidlich.

Erstaunlich gut funktioniert Castorfs Ansatz, zwei Geschichten parallel zu erzählen: Wagners Epos vom doppelten Scheitern Wotans, der seinen Helden Siegmund dem Moralkodex opfern muss und Brünnhilde, seine ungehorsame Lieblings-Walküre, verliert, während im Hintergrund der Erdölboom am Kaukasus die Oktober-Revolution befeuert.

Siegmunds Schwert im Ölfass ist das Symbol dieses Spagats. Eine wichtige, wenn auch nur punktuelle Verbindung schafft dabei das Medium Film: Ein alter Stummfilm über russische Erdölpioniere geht immer wieder in Live-Videos von der Bühne über, sodass etwa die (stimmstarken) Walküren, die an sowjetische Aktivistinnen erinnern, umgekommene Arbeiter als Walhalls tote Helden betreuen.

Nach zwei „Ring“-Abenden hat Castorf damit ein weites Feld eröffnet zwischen psychologischer Vertiefung und ausgreifendem Welttheater.

Von Werner Fritsch

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