Walter Jens ist tot - Rhetorikprofessor prägte intellektuelles Klima

Walter Jens

Ob der Tod für Walter Jens eine Erlösung ist? Vermutlich wird das niemand sagen können. Der wortgewaltige Intellektuelle, der Jahrzehnte das politische und kulturelle Klima der Bundesrepublik geprägt hat undSonntagabend im Alter von 90 Jahren gestorben ist, war aufgrund seiner schweren Demenz viele Jahre verstummt.

„Dass es so zu Ende geht, ist schmerzlich für alle, die ihn mögen“, hatte seine Frau Inge zu seinem 90. Geburtstag am 8. März gesagt. „Ob es auch für ihn schmerzlich ist, weiß niemand. Er kann es uns nicht sagen.“ Seit 1951 waren Inge und Walter Jens verheiratet, noch 2003 hatte er mit ihr eine erfolgreiche Biografie von Katia Mann publiziert, 2006 wurden dann Anzeichen der Demenz unübersehbar. Tilman Jens, einer ihrer beiden Söhne, brachte nun die umstrittenen Bücher „Demenz. Abschied von meinem Vater“ und „Vatermord“ heraus.

Mit dem Theologen Hans Küng hatte Walter Jens 1995 ein Plädoyer für aktive Sterbehilfe („Menschenwürdig sterben“) veröffentlicht. Und doch war seine Frau beeindruckt vom unbändigen Lebenswillen ihres Mannes, der zwar „aus der Realität gefallen ist“, wie es die 86-Jährige formulierte, aber in etwas hinein, „das ihm keinen Kummer bereitet“. Sie sprach offen über das Leben mit der Krankheit, erzählte etwa, dass dem leidenschaftlichen Fußballfan, der einst beim Eimsbütteler Turnverein Torhüter gewesen war, der Fernseher angestellt wurde, wenn ein Spiel lief.

Walter Jens

„Nicht mehr schreiben zu können, heißt für mich: Nicht mehr atmen zu können. Dann ist es Zeit zu sterben“, hatte Jens 2003 gesagt. Die Kraft des Wortes und der Rede zu nutzen, das Sich-Einmischen, Warnen und Mahnen sah der gebürtige Hamburger, dem 1968 in Tübingen der bundesweit erste Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik eingerichtet wurde, als Lebensaufgabe an. Vielen galt er als moralische Instanz: als Verfasser von Romanen („Nein. Die Welt der Angeklagten“), Hörspielen, Dramen, Mitglied der „Gruppe 47“, „Zeit“-Fernsehkritiker, Literaturhistoriker, Essayist, Übersetzer aus dem Neuen Testament, Wahlkämpfer für Willy Brandt, Präsident des PEN-Zentrums, Pazifist und Galionsfigur der Friedensbewegung, als er vor dem Atomwaffendepot Mutlangen protestierte und während des Golfkriegs 1990 desertierte US-Soldaten versteckte. Als Präsident der Berliner Akademie der Künste (1989 bis 1997) forcierte Jens unter Protesten prominenter Mitglieder die Vereinigung mit dem DDR-Pendant.

Ein Schatten fiel auf den Lebenslauf des „Radikaldemokraten“, als 2003 seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde. Vom Kriegseinsatz wegen schweren Asthmas verschont, sei er wohl 1942 mit anderen Mitgliedern der Hitlerjugend „summarisch“ in die Partei überführt worden, rechtfertigte er sich, bedauerte aber mangelnden Mut - und dass er die eigenen „Irrtümer nicht entschiedener, differenzierter und nachdrücklicher“ betont habe.

Von Mark-Christian von Busse

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