Wanda von der Spree: Die Band Isolation Berlin

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Haben es sich mit ihrer Musik nett eingerichtet: Gitarrist Max Bauer (von links), Sänger Tobias Bamborschke, Schlagzeuger Simeon Cöster und Bassist David Specht sind die Band Isolation Berlin.

Wer Element of Crime, Tocotronic oder Hildegard Knef liebt, wird auch Isolation Berlin mögen. Das Quartett aus der Hauptstadt beweist, dass große Kunst nur selten aus Glück entsteht.

Das Glück von Tobias Bamborschke war es, dass es ihm vor drei Jahren ziemlich schlecht ging. Der aus Köln stammende Schauspielschüler hatte sich in Berlin gerade von seiner Freundin getrennt und lief einsam durch die große Stadt. Da fiel ihm der Begriff Isolation Berlin ein. Wenig später traf er in einer Kneipe den Gitarristen Max Bauer. Beide gründeten eine Band und nannten sie Isolation Berlin, die nun als beste neue Gruppe der Hauptstadt gilt.

Gerade ist ihr Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ erschienen, dessen zwölf Lieder sich größtenteils um Liebesschmerz drehen. Einmal singt Bamborschke: „Es ist so schwer, aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß, wofür. Und es ist so schwer, aus dem Haus zu gehen, wenn man weiß, kein Weg führt mehr zurück zu dir.“ Das beweist einmal mehr, dass große Kunst nur selten aus Glück entsteht.

Man könnte das Quartett, zu dem auch Schlagzeuger Simeon Cöster und Bassist David Specht gehören, als die deutschen Wanda bezeichnen. Die Euphorie um die Berliner erinnert an den Hype, den die Austropopper im Vorjahr auslösten. Ihre Musik lässt sich indes nur schwer einordnen.

Die Balladen erinnern an Element of Crime, dazu kommt Noiserock, wie ihn Joy Division und Sonic Youth spielten, eine Neue-Deutsche-Welle-Attitüde, Orgel-Chansons sowie Jazz, und selbst als Vorgruppe einer Indierock-Band wie den Libertines könnte man sich Isolation Berlin gut vorstellen. Eine ebenfalls gerade veröffentliche Zusammenstellung älterer Stücke, die sogar noch besser sind als die neuen Songs, haben die Musiker „Berliner Schule / Protopop“ genannt - zwei Begriffe, die sie selbst „bescheuert“ finden, aber „irgendwas muss man ja draufschreiben“.

Kritiker vergleichen Bamborschke, der am Europäischen Theaterinstitut ausgebildet wurde, schon mit Rio Reiser. Anders als andere Indie-Künstler hat er keine Angst davor, von der Masse geliebt zu werden. In „Produkt“ singt der 27-Jährige: „Ich bin ein Produkt, ich will, dass man mich schluckt. Ich will, dass ihr mich liebt und auch die ganze Welt. Ich lebe für Applaus, bis der Vorhang fällt.“

Man kann nicht anders als zu applaudieren für diese tolle Mischung aus Euphorie und Melancholie, aus Melodie und Lärm, aus Bescheidenheit und Größenwahn. Es bleibt nur die Frage, ob Isolation Berlin so gut bleiben, wenn es Bamborschke irgendwann nicht mehr schlecht gehen sollte. Der „Tagesspiegel“ meint: Wäre die Band ein Berlin-Film, „dann wären sie Christiane F.“ Hoffentlich überlebt sie das, was gerade passiert.

Isolation Berlin: Und aus den Wolken tropft die Zeit (Staatsakt/Caroline International). Wertung: vier von fünf Sternen

Isolation Berlin: Berliner Schule / Protopop (Staatsakt/Caroline). Wertung: fünf von fünf Sternen

Isolation Berlin spielen am 10. Juni im Göttinger Dots, Barfüßerstraße 12.

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