„Diebe“ von Dea Loher am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt

Wandeln am Abgrund

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Auf der Kippe: Susanne Wolff als Gabi Nowotny (links) und Olivia Gräser als Mira Halbe in Dea Lohers „Diebe“ am Deutschen Theater Berlin.

Berlin. Seit 20 Jahren lebt Dea Loher in Berlin. Lang hat es gedauert, bis nun eine Uraufführung der Theaterautorin auf die Bretter einer Hauptstadtbühne gelangt.

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und ein langjähriger Förderer, hat ihr den Stückauftrag für „Diebe“ erteilt. Andreas Kriegenburg führt Regie, Lohers Künstlerfreund, der bestens vertraut ist mit dem seelisch versehrten Personal ihrer diesmal mehr episch als dramatisch anmutenden Arbeit.

Für die poetisch-existenziellen „Diebe“ ist dem Regisseur, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, eine unterhaltsame Inszenierung gelungen. Verschiedene Episoden um eher unauffällige Menschen und den ganz normalen Alltagswahnsinn sind aneinandergereiht, was an den Film „Short Cuts“ von Robert Altman erinnert. Sehnsucht, Verzweiflung und (Tragi-)Komik allerorten.

Abgesehen davon, dass ständig irgendjemand einen Wolf gesehen haben will, sorgen in erster Linie Regie und Bühnenbild für Spannung. Denn Lohers Stärke liegt mehr in ihren literarischen Qualitäten. Musikalisch wird das von Substanz (zeitweise aber auch Redundanz) geprägte Stück unterfüttert durch altmodische Songs wie „Tea for Two“. Man lauscht gern.

Auf seiner spektakulären, vertikal rotierenden Bühne, die das Personal permanent am Abgrund balancieren lässt, in die Höhe hievt und wieder verschluckt, bewegen sich zwölf Personen, meist in Zweier-Konstellation, aber auch monologisierend. Der Polizist und die Supermarkt-Verkäuferin etwa, die sich Hoffnung auf den Aufstieg zur Filialleiterin macht, oder der depressive Versicherungsmakler Finn, der im Bett liegen bleibt.

Anschauen lässt sich das dank vorzüglicher Darsteller wie Daniel Hoevels und Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann, Olivia Gräser oder Susanne Wolff, die noch aus dem nervigsten Mono- oder Dialog Kabinettstückchen machen. Viel Slapstick lockert die fast vier Stunden währende Aufführung auf. Doch man fragt sich, für wen Regisseure, Autoren und vor allem Dramaturgen solche Abende eigentlich konzipieren? Für ganz normale Arbeitnehmer?

Von denen handelt ja das parabelhafte Stück, das gleichwohl seine Meriten hat. Es sind Menschen unserer Tage, die über Kriegenburgs Kipp-Bühne balancieren, nicht wissend, wie ihnen geschieht und immer wieder Halt suchend.

Nächste Vorstellungen am 23., 24. 1. Karten: 030 – 38441-225 oder unter www.deutschestheater.de

Von Andrea Hilgenstock

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