Peter Stamm sprach nach Kasseler Lesung über sein Schreiben

Wie ein Wanderer

Peter Stamm Foto: von Busse

Kassel. Dass die Hälfte seiner Buchprojekte scheitere, erzählte der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm im Gespräch mit den 60 Besuchern seiner Lesung in der Buchhandlung am Bebelplatz. Manchmal wirft er ganze 200, 300 Seiten weg, es gibt Zeiten, „wo gar nichts läuft“, manchmal müssen Texte auch länger liegen, „reifen wie ein Käse“.

Was Stamm, der am Montag 47 Jahre alt wird, jedoch in seinem einfachen, lakonischen, unprätentiösen Stil veröffentlicht, findet bei Kritik und Lesern Beachtung und sehr viel Zustimmung. Wie sein jüngster Roman „Sieben Jahre“, den er - ohne einen Anflug von Schwyzerdütsch - in Kassel vorstellte.

Er wisse zu Beginn wenig über seine Protagonisten, berichtete Stamm. Er gibt ihnen Berufe, lässt sie an einem Ort wohnen, „dann fang’ ich mal an“. Er brauche diese Unsicherheit, habe aber schon ein Gespür dafür, welcher Weg der richtige, der Erfolg versprechende sei - wie ein geübter Wanderer, der es bemerkt, wenn er sich verirrt.

Wobei Erfolg sich für den Autor, aber nicht unbedingt für sein Personal einstellen muss. Die literarisch interessanteren Figuren seien jene, die nicht in sich ruhen, findet Stamm. Zu ihnen gehört Alex aus „Sieben Jahre“, bei dem rein äußerlich alles stimmt: ein Architekt mit gut gehendem Büro, der mit der attraktiven Sonja verheiratet ist.

Doch nur bei der Polin Iwona, die spröde ist, duldsam, still und ein bisschen einfältig, fühlt sich Alex wirklich aufgehoben, zuhause. Bei ihr muss er sich nicht anstrengen, um eine Fassade aufrechtzuerhalten, wie sie dem schicken Schauplatz entspricht. „München passt zu dem Paar“, meinte Stamm, diese kultivierte Schickimicki-Gesellschaft: „Das hab’ ich in München natürlich anders gesagt.“

Inzwischen mag er München gern, sagt Stamm, der in Winterthur lebt. Sobald er eine erste Fassung geschrieben hat, recherchiert er, überprüft, ob seine Milieu-Beschreibungen stimmig sind. Also las ein Architekt gegen, und eine Beamtin, die juristische Details beurteilte, konnte kaum glauben, welche Wendung sich Stamm ausgedacht hat: Sonja und Alex adoptieren das Kind, das dieser mit Iwona gezeugt hat. Stamm las unter anderem, wie er Sonja die Schwangerschaft eröffnet, wie ihm der Säugling im Krankenhaus übergeben wird.

Dass Alex „kühl“ sei, diese Beschreibung eines Lesers ließ Stamm nicht gelten: Wenn jemand seine Gefühle nicht herauslasse, heiße das ja nicht, dass er keine habe. Gewiss führten Sonja und Alex keine ideale Beziehung - „aber wer führt die schon?“

Peter Stamm: Sieben Jahre. S. Fischer, 297 S., 18,95 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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