Bayreuth: „Tannhäuser“ enttäuscht auch im zweiten Jahr

Monumentale Maschinenanlage: Die Bühne dominiert eine Biogasanlage. Vorn: Camilla Nylund (Elisabeth), Torsten Kerl (Tannhäuser). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Bayreuth. Wenn die riesige Maschinenanlage eine Szene lang voll in Betrieb ist, wirkt sie wie das Weihnachtsfenster eines Kaufhauses, in dem Plüschtiere mechanische Bewegungen vollführen. Massenhaft entseelte Arbeiter werkeln hier und holen sich in roten Bechern immer wieder ihre Alkoholration aus dem Alkoholator ab.

Ohne beduselt zu sein, klappt das Leben in dieser Industriewelt nicht.

Ist es eine negative Zukunftsutopie, die Sebastian Baumgarten in seinem „Tannhäuser“ zeigt? In Bayreuth ist die Inszenierung in ihrem zweiten Jahr am Samstag mit euphorischem Jubel für Sänger, Dirigent Christian Thielemann und Chor aufgenommen worden. Für den Regisseur und früheren Kasseler Oberspielleiter gab es Buhs.

Die angekündigte Revision seiner Arbeit machte sich vor allem in einer Abschwächung der Bilder bemerkbar. Das trägt jedoch nicht zum besseren Verständnis bei. Richard Wagners Oper um den Helden, der sich zwischen der Sinnlichkeit des Venusberges und der triebkontrollierten Ordnung der Ritterwelt der Wartburg entscheiden muss, spielt in der eigentlich tollen Installation des Künstlers Joep van Lieshout. Eine Biogasanlage - ein Kreislauf, der Exkremente zu Alkohol macht, der Lebenselixier der Bewohner ist - ist nachvollziehbares Symbol fürs Thema Sublimation gegen Sinnlichkeit. Und doch krankt die trotz ihrer Revoluzzerhaltung biedere Inszenierung daran, dass dieses Monument und sein Assoziationskosmos ins Operngeschehen so wenig einbezogen werden. Gesungen wird zumeist an der Rampe. Da helfen auch Videos nicht, in denen Begriffe wie „Kulturleistung“ aufleuchten und sich eine nackte Frau an den Kesseln der Anlage reibt.

Venusberg und Wartburg sind bei Baumgarten am selben Ort zwei Seiten derselben Medaille. Der Platz für Lustexzesse ist in einem Käfig, der aus dem Keller hochgefahren wird. Hockten darin letztes Jahr noch Affenwesen - ein Hinweis auf eine angebliche Kritik der Inszenierung an Biotechnologie, so ein Aufsatz im Programmheft - tragen diese Statisten nun die Arbeiterkostüme (Nina von Mechow). Dass sie dann trotzdem primatenhaft auf allen vieren herumhüpfen, erschließt sich nicht. Die fürs Publikum größte Provokation findet dann nicht im eigentlichen Stück, sondern in der Pause statt: Die Arbeiter feiern einen persiflierten Trash-Gottesdienst mit Gebet und Messwein aus dem Alkoholkanister. Das sorgte für lautstarke Empörung bei den verbliebenen Zuschauern.

Musikalisch marschiert der nun zuständige Dirigent Christian Thielemann, der alles anders machen wollte als sein Vorgänger Thomas Hengelbrock, zackig und schnell durch die Partitur. Die Solisten begeistern, allen voran Camilla Nylund als ausdrucksstarke Elisabeth mit facettenreichem, pianostarkem Sopran, die nach ihrem Tod im Gaskessel (!) zur Heiligen wird und die Nippes-Madonna in der Videoprojektion ersetzt.

Torsten Kerl gibt mit hell strahlendem Tenor als Tannhäuser alles, muss aber damit kämpfen, dass er beim Sängerkrieg so weit hinten platziert wird. Wundervoll lyrisch gestaltet Michael Nagy den Wolfram. Michelle Breedt ist eine klangschöne Venus - hochschwanger, zum Schluss mit Baby. Zur Lust gehört hier Fruchtbarkeit, und sie trägt den Sieg davon.

Von Bettina Fraschke

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