Das Studententheater spielte Bruckners „Krankheit der Jugend“

Warteraum des Lebens

Erotische Sinnsuche: Freder (Ulrike Schaumburg, hinten), Alt (Claudia Hertig, links) und Marie (Stefanie Gutsche). Foto: Lewalder/nh

Kassel. „Jugend ist latente Todesnähe. Alle Menschen sollten sich mit siebzehn erschießen. Prost!“ Ferdinand Bruckners spätexpressionistisches Stück „Krankheit der Jugend“ kreiert düstere Untergangsstimmung voll wortgewaltiger, philosophischer Sentenzen und provokanter Liebesszenen: Wien der 20er-Jahre im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.

Erzählt wird die turbulente Geschichte weltverlorener Studenten, die sich in einer Pension ihren Intrigen, Exzessen und Eifersüchteleien hingeben. Für zwei von ihnen endet die erotische Sinnsuche tödlich. Die junge Medizinstudentin Marie, von ihrem Freund betrogen und verlassen, lässt sich auf ein gefährliches Liebesspiel mit ihrer Freundin Desiree ein. Umworben wird Marie auch von Freder, dem herrischen Zuhälter, der die kindlich-unterwürfige Lucy zur Prostitution zwingt. So braut sich ein dramatisches Gemisch zusammen, das für die einen in Mord und Selbstmord, für die anderen in desillusionierter Verbürgerlichung endet.

Schwere Kost also, die das Studententheater der Universität Kassel unter der Leitung von Christian Köhn und Ulrike Birgmeier am Sonntagabend dem Publikum im gut besuchten Dock 4 servierte.

Sieben junge Menschen in einer selbst geschaffenen Scheinwelt, die wirken, als würden sie das Erwachsensein spielen. Die Szenerie: abstrakt, steril, modern, die Auswahl der Requisite im bewussten Stilbruch zur Weimarer Zeit. In einer überdimensionierten Garderobe sitzen die Darsteller vor großen Spiegeln in einer Art Warteraum des Lebens. Ihre Gesichter sind puppenhaft überschminkt, ihr Outfit ist pantomimisch-schlicht. Rechts und links zwei nackte Mannequins: ein Mann, eine Frau.

Vor der minimalistischen Kulisse brillierte das ausschließlich weibliche Ensemble mit schnellen Abfolgen komplexer, tiefsinniger Phrasen und flammender Gesten. Eine wirklich grandiose schauspielerische Leistung wurde da erbracht. Das Publikum dankte mit tosendem Applaus.

Wieder am 11.6., 19.6., 1.7., 19.30 Uhr, Dock 4.

Von Carolina Rehrmann

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