Warum Denken gefährlich ist

Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt "Fahrenheit 451"

Bücher vernichten: Karl Miller (v.l.), Michael Meichßner, Florian Eppinger, Lutz Gebhardt, Gerd Zinck, Sarah Schermuly und Nadine Nollau spielen Feuerwehrleute, die dafür da sind, alles Lesbare zu verbrennen. Foto:  Thomas Müller

Göttingen. Das Deutsche Theater in Göttingen bringt Ray Bradburys Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ aus dem Jahr 1953 auf die Bühne - die düstere Zukunftsvision einer Welt, in der Bücher verboten sind, in der die Feuerwehr Brände legt, statt sie zu löschen, und Buch um Buch vernichtet.

Fast zärtlich reißen die Feuerwehrleute Seite für Seite aus den Büchern in ihren Händen. Lassen sie zu Boden segeln, greifen das nächste Blatt. Ritsch. William Shakespeare, Bertolt Brecht, Miguel de Cervantes, Astrid Lindgren. Autorennamen aufrufend, lassen die Männer und Frauen in weißen Uniformhemden mit Handschuhen den Papierberg auf dem Bühnenboden wachsen.

Kurz darauf tragen sie die Buchseiten in eine silbrige Kiste und halten das Feuerzeug daran. Es lodert. „Jedes Buch ist ein Gedanke“, erkennt Feuerwehrmann Guy Montag (Michael Meichßner) kurz darauf. Und erschrickt. Was wird hier eigentlich vernichtet?

Eine Welt, in der sich die Menschen so mit der Fernsehberieselung eingerichtet haben, dass den meisten gar nicht mehr auffällt, dass etwas Wesentliches fehlt. Gedanken zum Beispiel, wie sie nur beim Lesen entstehen können. Hier herrscht die Devise des Hauptmanns Beatty (Karl Miller): „Wozu etwas lernen, wenn es genügt, auf den Knopf zu drücken?“.

Regisseur Jasper Brandis und Ausstatter Andreas Freichels lassen der Textvorlage ihre literarische Qualität. Viel von der Handlung wird nur dadurch transportiert, dass Schauspieler am Bühnenrand stehend die Erzähltexte ins Mikrofon hinein vortragen. Die Bühne selbst ist leer, allenfalls werden kurz Maschinen hereingerollt, die an überdimensionale futuristische Staubsauger erinnern.

Einziges Gegengewicht zur schwarzen Bühnenleere ist ein riesiges Rohrsystem, das rote Papierschnipsel regnen lassen kann. Konfetti? Rosenblätter? Clarisse (Maya Haddad), das junge Mädchen, das Feuerwehrmann Guy auf gefährlich-revolutionäre Gedanken bringt, die Bücher zu retten, lässt sich in das poetische Farbmeer sinken, und ihr Körper ist ganz bedeckt von den leichten Teilchen.

Die Strenge und Abstraktion der Bühne und des Szenenaufbaus überzeugen. Die starken, schlichten Bilder brennen im Kopf lang nach. Der Mut der Inszenierung zur Pause und zum Schweigen löst sich ein. Die Handlung muss hier nicht im Zentrum stehen. Das verhindert auch, dass die einfach gestrickte Botschaft des Stücks zu simpel daherkommt.

Trotzdem sind einige Szenen zu lang - etwa ein Ballett der Feuerwehrleute, die mit ihrem Schlauch gar putzige Drehungen und Trippelschritte aufführen wie in einem Ballettsaal. Weitere Schwäche des Premierenabends war die schlechte Textverständlichkeit.

Hauptdarsteller Michael Meichßner lässt Guy Montag in der Welt stehen wie ein Fragezeichen. Immer etwas schief, immer mit einem Rest Verwunderung durch die metallische Brille schauend, bleibt er überall fremd. Sei es in der Verbrennungseinheit, sei es mit seiner Frau Mildred (schnatternd und herrlich überdreht in Fernsehshow-Posen: Anja Schreiber). Ein Mann, der keinen Platz gefunden hat.

In der starken Schlussszene vor dem langen Applaus liest er dann aus einem Buch vor, das er auf der Flucht vor der Vernichtung entdeckt hat. Es ist „Fahrenheit 451“ und Guy liest seine eigene Geschichte, über einen Mann, der das Lesen und das Denken wiederfindet. Und endlich sich selbst.

Wieder am 13., 16.3., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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