Viviane Cismak (19) hat ein kritisches Buch über unser Bildungssystem geschrieben - Eine Antwort unserer 17-jährigen Rezensentin

Warum man Schule (nicht) hassen soll

So einen Lehrer wünschen sich Schüler: Robin Williams (Mitte) als John Keating in Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahr 1989. Fotos: Picture-Alliance/nh

Die 19-jährige Viviane Cismak hat ihr zweites Buch veröffentlicht. Nachdem die gebürtige Darmstädterin vor drei Jahren in der Streitschrift „Deutschlands Kinder“ Kinder aus sozial schwachen Familien porträtierte, widmet sie sich nun der Schule. In „Schulfrust - 10 Dinge, die ich an der Schule hasse“ geht die Abiturientin (Abischnitt: 1,8) nicht gerade zimperlich mit Lehrern und Politikern um.

Ihre Kritik am deutschen Bildungssystem beruht vor allem auf persönlichen Erfahrungen. Cismak wünscht sich, dass Schulen nicht zu Aufbewahrungsstätten verkommen, in denen aus „kleinen Individuen eine homogene Masse gemacht wird - und dies allein aus Mangel an Geld und spezifischen Förderungsmitteln“.

Bildungspolitiker sollten das Buch ernst nehmen, denn allein die Tatsache, dass eine gute Schülerin solch eine Hasstirade loslässt, zeigt, dass unser Bildungssystem reformbedürftig ist.

Trotzdem decken sich meine Erfahrungen nicht immer mit denen von Cismak, die viele Worthülsen verwendet, wodurch ihre Kritik an Schärfe verliert. Ich habe ihre Thesen überprüft.

1. Leistung lohnt sich nicht: Ich hasse die Schule, weil es gute Schüler schwer haben. Stimmt nicht. Gute Schüler haben es leichter in der Schule. Anders als Cismak empfinde ich Zusatzaufgaben für stärkere Schüler nicht als Strafe, sondern als zusätzliche Chance.

2. Unterrichten nach Lehrplan? Ach, wieso denn? Ich hasse die Schule, weil Lehrer machen können, was sie wollen. Stimmt teilweise. Ich aber schätze Lehrer, die nicht stur nach Lehrplan vorgehen, sondern individuell auf die Schüler und aktuelle Ereignisse eingehen.

3. Aufbewahrungsstätte Schule: Ich hasse die Schule, weil sie neuerdings mehr zur Betreuung als zur Ausbildung von Kindern dient. Stimmt. Cismaks Kritik an unfähigen Vertretungslehrern teile ich. Werden Schüler nicht von kompetenten Lehrern gefordert, schalten sie das Gehirn aus und machen es damit sich und den Lehrern schwer.

4. Schlecht ist nicht gleich schlecht: Ich hasse die Schule, weil der Bildungsföderalismus Schulen des gleichen Typs unvergleichbar macht. Stimmt. Diese Unvergleichbarkeit ist wirklich eine Zumutung. Selbst innerhalb einer Stadt wie Kassel sind die Anforderungen der Schulen auf dem Weg zum Zentralabitur alles andere als auf einem Niveau. Gerecht geht anders.

5. Wo Sexismus geduldet wird: Ich hasse die Schule, weil Chauvinismus und Antisemitismus dort toleriert und mit kulturrelativistischen Theorien erklärt wird. Stimmt nicht. An meiner Schule gibt es für Antisemitismus und Sexismus null Toleranz.

6. Sympathie, das wichtigste Bewertungskriterium: Ich hasse die Schule, weil Noten unwillkürlich vergeben werden. Stimmt teilweise. Lehrer sind auch nur Menschen. Sympathie spielt überall eine Rolle. Ohne Leistung geht es aber nicht.

7. Verantwortungslos aus Überzeugung: Ich hasse die Schule, weil Lehrer ihren Job nicht ernst genug nehmen. Stimmt nicht. Ich kenne sehr viele Lehrer, die ihren Idealismus bewahrt haben.

Viviane Cismak: Schulfrust - 10 Dinge, die ich an der Schule hasse. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 201 Seiten, 9,95 Euro. Wertung: !!:::

Von Joséphine Hein

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