Uraufführung

Was ist aus unserem Entsetzen geworden?

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Spricht die Worte von Ismail Yozgat: Uwe Steinbruch.

Kassel. Das Staatstheater zeigt ein bewegendes Stück zum NSU-Prozess mit Schwerpunkt auf dem Kasseler Mordfall. Viel Applaus für "Der NSU-Prozess. Die Protokolle" bei Premiere. 

Ganz nah stehen am Ende alle zusammen. Schauspieler wie Zuschauer drängen sich auf der Studiobühne Tif, die gerade noch Gerichtssaal war und auch mit Klebestreifen am Boden angedeutet das Kasseler Internetcafé, in dem Halit Yozgat ermordet worden ist.

Mitten in der Menge sprechen die Darsteller Ausschnitte aus dem brillanten Plädoyer des Anwalts Mehmet Daimagüler. Es geht um Rassismus. Um dessen tiefe Verwurzelung in der Bevölkerung, dessen Institutionalisierung, das Versagen des Staates, den rechten Terror nachhaltig zu stoppen.

Aufwühlendes Ende eines intensiven Theaterabends. „Der NSU-Prozess. Die Protokolle“ haben Janis Knorr und Petra Schiller am Staatstheater Kassel auf Basis von Protokollen des Prozesses gegen die Terrororganisation Nationalsozialistischer Untergrund erarbeitet.

Sie legen im ersten Teil den Schwerpunkt auf den Kasseler Mord. Richter, Anwälte, Angehörige und Nazi-Zeugen kommen zu Wort. Verfassungsschutzmann Andreas Temme wird ausführlich befragt und angehört. Immer wieder schaltet sich Ismail Yozgat ein. So gelingt ein intelligent gebauter Hybrid aus Spiel und Dokumentation. Ausstatterin Ariella Karatolou hat dazu allen Darstellern zartrosafarbene Overalls angezogen, die wie Laborkleidung wirken. Sie vermeidet jede Optik, die an einen Gerichtssaal erinnert.

Nicht entziehen kann man sich den Reden des Vaters, seiner überwältigenden Trauer, Liebe zum Sohn und Emotionalität – aber auch seiner darin steckenden heftigen politischen Anklage. Uwe Steinbruchs Spiel rührt tief an in der bescheidenen Aufrichtigkeit Yozgats. Zugleich bleibt immer die angemessene kleine Distanz zwischen Darsteller und Rolle, es geht hier nicht um Identifikationstheater.

Noch mehr Distanz erzeugt Artur Spannagel als Andreas Temme – demonstrativ liest er mit monotoner Stimme dessen Aussagen von einem dicken Papierstapel ab: „Ich habe keine konkrete Erinnerung an diesen Tag.“

Was hat er im Internetcafé gesehen, welche Informationen hatte er über die Tatsache, dass es nicht ein Einzeltäter, sondern ein Netzwerk war? Bemerkte er die Leiche – oder schaute er bewusst weg, weil er wusste, die Videoaufzeichnung läuft? Es ist nicht unproblematisch, dass ein nicht angeklagter, nicht verurteilter Mensch so zentral in einem Stück vorkommt. Bei jedem seiner Widersprüche wird Temme mit einem roten Faden mehr an den Tisch gebunden, der hier als Tresen des Internetcafés fungiert.

Der Zweieinhalbstunden-Abend kompiliert Originaltexte aus dem Gerichtssaal. die die Journalisten Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler über all die Jahre hinweg mitgeschrieben haben. Das ist toll zusammengestellt und überaus eindrucksvoll.

Im zweiten Teil des Abends stehen die Darsteller in Alltagskleidung an der Rampe, fassen aus Textmappen ablesend das mehr als fünfjährige Geschehen dieses Großprozesses zusammen und hauen dabei ordentlich auf die Pauke. Hier belustigt man sich – zur treibenden Instrumentalmusik des Paulchen-Panther-Themas – über Gerichtsgepflogenheiten, Personennamen oder den Titel eines rechtsextremistischen Magazins. Das ist – vom Duktus, nicht vom Inhalt her – zu viel, bringt dem Abend wenig und ist angesichts des so sorgfältig herauspräparierten Themas struktureller Rassismus nicht nötig.

Was hat der Prozess mit unserer Gesellschaft gemacht? Wo ist unser Entsetzen geblieben? Jeder einzelne muss sich diese Frage stellen. Das Premierenpublikum war nach den eindrucksvollen Leistungen der Darsteller Meret Engelhardt, Rahel Weiss, Hagen Bähr, Marius Bistritzky, Thomas Bockelmann, Artur Spannagel, Uwe Steinbruch und Simon Rubisch dazu bereit, denn es spendete langen Applaus.

Wieder am 21., 27.9., Tif, Kartentelefon: 0561 / 1094222 staatstheater-kassel.de

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