Interview: Intendant Holk Freytag über das Programm der Bad Hersfelder Festspiele - Freitag Eröffnung

„Was den Menschen ausmacht“

„Bedürfnis nach der großen Form“: Intendant Holk Freytag vor der Wand mit Schauspielerfotos. Foto:  nh

Mit einer großen Tragödie beginnen am Freitag die Festspiele in Bad Hersfeld: Die Saison eröffnet in der Stiftsruine mit Shakespeares „König Lear“. Wir sprachen mit Intendant Holk Freytag über Theaterglück und Eurokrise.

Eröffnet wird die Saison mit „König Lear“, was ist Ihnen an dem Stück wichtig?

Freytag: Na, das ist eins der schwierigsten Stücke, die es gibt. Ich kenne es sehr gut und weiß, was bei meiner früheren Arbeit daran nicht geklappt hat. Auch Hauptdarsteller Volker Lechtenbrink kennt es gut. „Lear“ ist eine Passionsgeschichte. Ein König entscheidet sich falsch, verstößt seine Tochter und gerät in die Einsamkeit. Bei uns ist Lear aber nicht ein Greis, sondern ein Mann, der voll in seiner Kraft steht. Er muss sich selbst finden und findet seinen eigenen Wahnsinn.

Was war in der Probenzeit besonders knifflig?

Freytag: Lear durchlebt eine Leidensgeschichte, eine Passion von biblischem Ausmaß. Das ist es, was einen so fasziniert. Alle sterben, einer überlebt - und den beneidet man nicht. Wir haben wie die Blöden an der Schlussszene gearbeitet, bringen Sie mal fünf Leute auf der Bühne um. Natürlich inszenieren wir keine Ode an den kollektiven Selbstmord. Shakespeare schrieb ein Stück über das, was den Menschen ausmacht.

Wie geht man da ran?

Freytag: Um die Konflikte besser herauszuarbeiten, haben wir Szenen auf einer Wiese im Sitzen gesprochen. Ohne Aktion. Damit wir den Text ganz verstehen und dann später auf der Bühne optimal rüberbringen können.

Wird die Inszenierung den Stoff aktualisieren?

Freytag: Wir pappen nichts dran. Das ist ein großes Menschheitsdrama, es gehört zu den besten Dingen, die die Menschen kulturell erzeugt haben. „Lear“ spielt in einer Liga mit der Matthäuspassion oder Beethovens 5. Sinfonie.

Das Musical dieses Jahr ist „Anatevka“ mit dem berühmten Milchmann Tevje. Worauf kommt es da an?

Freytag: Das darf erstens nicht nur billige Folklore werden und es darf zweitens kein Stück über den Holocaust werden. Denn das ist es nicht. Es ist ein Musical, das die Lebensfreude jüdischer Menschen in einem osteuropäischen Dorf zeigt. Eine Ode an das Leben. Knifflig ist, das melancholische Ende so hinzukriegen, dass die Menschen nicht deprimiert nach Hause gehen.

Auch der „Zauberberg“ von Thomas Mann gehört zu den großen Werken der Literaturgeschichte. Sie bringen eine Bühnenfassung in die Stiftsruine. Was will Mann uns zeigen?

Freytag: Wir sehen diesen jungen Hans Castorp, der in das Sanatorium kommt, aber irgendwann gar nicht mehr gesund werden will. Thomas Mann zeigt uns eine Gesellschaft, die in Stücke zerfällt - und Menschen, die das gar nicht merken. Das ist so heutig, ich habe oft das Gefühl, dass wir auf dem Zauberberg leben, wenn wir sagen, die Griechen sollen doch aus dem Euroraum rausgehen – und nicht bedenken, was das bedeutet. Das ist immerhin das Land, wo Europa erfunden wurde. Wir verdanken den Griechen unsere Identität.

Kann die literarische Qualität dieses 1000-Seiters in gut zwei Theaterstunden transportiert werden?

Freytag: Unbedingt. Wir zeigen ganz viel Original. Wir brauchen zwar einen Konversationston für die Bühne, aber wenn die Schauspieler den richtig durchdenken, dann kommt Thomas Manns Genialität sehr deutlich raus.

Ihr Spielzeitmotto ist „Ab ins Theater!“. Warum ist Theater so wichtig?

Freytag: Im vergangenen Jahr kamen in sieben Wochen 95 000 Besucher zu uns. Alle freiwillig. Ich bin überzeugt: Wir sind in unserem Leben so kleinteilig geworden. Es gibt ein Bedürfnis nach dieser großen Form.

15. Juni bis 5. August, Karten: 06621-400755, www.bad-hersfelder-festspiele.de

Von Bettina Fraschke

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