Mehr als kabarettistisches Politbarometer: Werner Koczwara mit feinsinnigem Humor in Baunatal

Wasserdicht und bruchsicher

Die Juristen versklaven Vernunft und Moral - und der Kabarettist geißelt es: Werner Koczwara bei seinem überzeugenden Auftritt in der Baunataler Stadthalle. Foto: Herzog

Baunatal. Schwaben gelten allgemein als lustige Volksgruppe. Vielleicht liegt es an der oft zelebrierten Geselligkeit bei Weinfesten oder dem Dialekt, der sich für Außenstehende anhört wie das sprachliche Endstadium solcher feuchtfröhlichen Veranstaltungen. So kann der in Schwäbisch Gmünd geborene Kabarettist Werner Koczwara mit Form und Inhalt immer doppelt punkten.

Mit seinem Programm „Kabarett über alles - außer Tiernahrung“ überzeugte er 200 Gäste in der Baunataler Stadthalle von der Einschätzung, dass man in Deutschland nach wie vor zur juristischen Versklavung von Vernunft und Moral neigt. „Mit dem Tod endet das Arbeitsverhältnis“ - auf solche Formulierungen können wir mittlerweile nicht mehr verzichten, da alles wasserdicht und bruchsicher geregelt sein muss. Für alles ein Gesetz, eine Vorschrift oder ein Paragraf, und damit suggeriert man das Gefühl der Kontrolle.

Koczwara denkt dieses Prinzip in die Zukunft und erfindet ein Wörterbuch für Witwen, eine mit Hinweisen, Gewinnspiel und Werbung überklebte Brühwürfelpackung so groß wie ein Schuhkarton und die Transrapidstrecke für Schnellpilger neben dem Jakobsweg. Angst und Pessimismus verursachen Kuriositäten wie die Entwicklung des schnarchenden Handys für Singles. Und bald werden Einbrecher den Schmuck liegen lassen und nur noch den fast unbezahlbaren Inhalt des Medikamentenschranks plündern. Papst Freitag der 13. lässt grüßen, und der Jugendwahn treibt die 80-Jährigen in die Swingerclubs, wo sie ihre Stützstrümpfe an der Garderobe abgeben. „Niemand darf vorzeitig gegen seine Willen aus der Haft entlassen werden“ - Koczwara lässt als Antwort auf den Wahnsinn überirdischen Kot auf die Erde prasseln. Den Erstkontakt hätte er sich eigentlich etwas anders vorgestellt.

Brillant, wie er sich an Themen anschleicht, Übergänge erkundet und Bereiche verknüpft, die zunächst absurd erscheinen und doch verblüffend naheliegend einen neuen Blick auf die Welt eröffnen. Keine zynische Betroffenheitsunterhaltung oder kabarettistisches Politbarometer, sondern freche Beobachtungspoesie von einem gut gelaunten Entertainer. Großer Applaus.

Heute, 19.30 Uhr: Thomas Freitag, Sonntag: Guido Cantz.

Von Andreas Köthe

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