Das Ich findet sich in der Manege

Wedels großer Zirkus bei den Bad Hersfelder Festspielen

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Die Elemente einer Zirkusmanege werden immer neu angeordnet: Ensembleszene mit Christian Schmidt (Antipholus, zweiter von rechts) und Lars Rudolph (Dromio, rechts).

Wahrscheinlich wurde ein Festspielauftakt in Bad Hersfeld noch nie so sehnsüchtig erwartet wie diesmal. Der neue Intendant Dieter Wedel bietet in der Stiftsruine ein Zirkusspektakel.

Bad Hersfeld. Gewichtheber, Bauchredner, Messerwerfer: Ein Zirkustrupp erobert die Bühne der Bad Hersfelder Stiftsruine, der Zwirbelbart tragende Direktor verspricht dem Publikum „Unglaubliches“. Und bekennt: „Wir wünschen sehr, der Menge zu behagen.“ Es ist ein großartiger Schachzug von Dieter Wedel, zur Eröffnung seiner Intendanz bei den Bad Hersfelder Festspielen mit dieser Manegen-Atmosphäre und dem vollmundigen Sensations-Jargon der Gaukler auf den Erwartungsdruck zu reagieren.

Spielt die Köchin Emmelina: Sonja Kirchberger.

Zugleich gelingt es erstaunlichgut, den Stoff von William Shakespeares „Komödie der Irrungen“ in einen Zirkus zu integrieren. Immer wieder wird die im Orient angesiedelte Dramenhandlung zum Bestandteil der Manegenshow, etwa wenn der Zirkusdirektor Raubtiere ankündigt und daraufhin vermummte Religionskämpfer im Auftrag des Emirs einem Dieb die Hand abhacken. Am Samstagabend gab es in der ausverkauften Stiftsruine viel Applaus, teilweise im Stehen dargebracht.

Die selten gespielte Komödie, bei der Shakespeare noch nicht zu seiner späteren Meisterschaft gefunden hat, handelt von Verwechslungen. Antipholus sucht seinen verschollenen Zwillingsbruder in Ephesus. Der Bruder heißt auch Antipholus (beide: der erst vor wenigen Tagen verpflichtete Christian Schmidt, der die Aufgabe toll löst). Jeder der Brüder hat einen Diener, diese Diener sind auch Zwillinge und tragen ebenfalls denselben Namen: Dromio (beide: Lars Rudolph). Nun entfaltet sich das klassische Tiki-Taka der Boulevardkomödie: Frau verzweifelt, weil Mann sie nicht erkennt, Goldschmied wird wütend, weil Schmuck nicht bezahlt wird, Diener schwitzt, weil Köchin ihn heftig beglückt, obwohl er sie doch gar nicht kennt.

Ein Füllhorn hübscher Regie-Einfälle setzt die papierdünne Handlung in Szene. Dazu kommen Slapstickmomente mit einem widerspenstigen Klappstuhl und einer Bratpfanne, die zum Klaps auf den Allerwertesten benutzt wird, hübsche Details wie eine schnarrende Gegensprechanlage am orientalischen Stadthaus sowie tief dekolletierte Frauen (Kostüme: Ella Späte/ Kerstin Micheel), die immer wieder anders angeordnet dekorativ herumstehen.

Emir mit Sonnenbrille: Mathieu Carrière.

So entstehen abwechslungsreiche Bilder, die den schwierigen Bühnenraum der Stiftsruine recht gut nutzen (Bühne: Jens Kilian, Eva-Maria Van Acker). Live-Musiker, die zwischen schräger Zirkusmusik und nahöstlichen Arabesken punktgenau aufspielen, gehören ebenfalls zu den Höhepunkten (Leitung: Jörg Gollasch).

Die Schwächen des substanzarmen Stoffs können aber auch mit der Wedelschen Textfassung und dem Zirkus-Kniff nicht kaschiert werden. Und die tiefere Bedeutungsebene zur fragilen Identität eines Menschen und ob er erst durch das Du zum Ich findet, hätte deutlich besser ausgeleuchtet werden können. So ziehen sich die 2:10 Stunden vor allem in der zweiten Hälfte, wo inhaltlich nichts Neues hinzukommt.

Daran können auch Wedels Stars nichts ändern, Cosma Shiva Hagen, Sonja Kirchberger, Mathieu Carrière, Heinz Hoenig und Markus Majowski kommen mikrofonverstärkt gut über die Rampe und dominieren trotz des Promifaktors das Ensemble nicht. Meistbeklatschter Held des Abends ist Lars Rudolph („Tatort“, „Der Wixxer“, „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) mit großem Körpereinsatz und markanter Bühnenpräsenz. Ein toller, tragikomischer Clown.

Die Neuerungen ringsum

Ein neues Festivalerlebnis hatte Dieter Wedel für Bad Hersfeld versprochen - und das hat er zum Auftakt weitgehend eingelöst. Eine erste Bewertung der Veränderungen.

Neue Tribüne: Man hat in den Sitzreihen mehr Platz, kann sich im Zuschauerraum besser bewegen. Dass es nun hinten einen und vorne zwei Eingänge gibt, muss sich noch rumsprechen, beim Verlassen der Ruine wurde die hintere Tür wenig genutzt.

Die Pause: Gut gemeint, bringt aber wenig. Die Menschenmengen können zwar schneller hinaus- und hereinbewegt werden als früher, trotzdem dauert es, bis 1200 Leute in die Gänge kommen. Die Schlangen bei Getränken und Toiletten sind lang - da werden selbst 30 Minuten Unterbrechung kurz. Statt Entspannung bringt die neu eingeführte Pause eher Hektik.

Das Foyer im Grünen: Ist sensationell. Der Park um die Stiftsruine ist stimmungsvoll beleuchtet, an vielen Pavillons gibt es Getränke, schöne Sitzmöglichkeiten, man kann flanieren.

Der Glamourfaktor: Massiv erhöht. Das machte den Bad Hersfeldern am Samstag Spaß. Viele kamen auch ohne Eintrittskarte, wollten einfach als Zaungäste dabei sein und im Park mitfeiern. Es herrschte das Gefühl: Die Festspiele - das sind wir. Und dass sich mehr Besucher als früher richtig schick gemacht haben, tut der Gesamtatmosphäre natürlich ebenfalls gut.

Zahlreiche Termine bis 2. August, Karten: 06621/640200.

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