Neu im Kino: „Mr. Nobody“ spielt durch, wie wir entscheiden

Wege in zwei Leben

Flüchtige Liebe: Jared Leto als Nemo Nobody und Diane Kruger als Anna. Foto:  Verleih/ nh

Der Junge zögert, bevor er dem Zug hinterherrennt. Der Vater steht auf dem Bahnsteig, die Mutter hält ihm aus dem fahrenden Waggon die ausgestreckte Hand entgegen. Die Eltern hatten ihn vor die Wahl gestellt. Zu Hause beim Vater zu bleiben oder mit der Mutter und einem anderen Mann fortzuziehen.

Im Grunde ist das Leben eine riesengroße Zumutung mit all seinen Entscheidungen, Möglichkeiten und verpassten Chancen. Das Kino hat es da besser. Denn hoch oben auf der Leinwand kann man das, was ist, genauso überlebensgroß zeigen wie das, was gewesen wäre. Und so gibt der belgische Regisseur Jaco Van Dormael („Toto der Held“) in seinem Film „Mr. Nobody“ dem Jungen die Chance, beide Möglichkeiten zu durchleben. Einmal erreicht er die Hand der Mutter und wandert mit ihr nach Kanada aus. Das andere Mal verliert er einen Schuh, gerät ins Stolpern und bleibt beim Vater in England zurück.

Aber natürlich ist das im Leben von Nemo (Jared Leto) nicht die letzte Weggabelung. Denn bald kommen die Zufälligkeiten der Liebe hinzu: Drei Mädchen, zwischen denen er sich in seinen beiden Existenzen entscheiden muss, führen ihn zu drei vollkommen unterschiedlichen Lebensentwürfen.

Vom Sterbebett eines 118 Jahre alten Mannes im Jahre 2092 erzählt Jaco Van Dormael aus den verschiedenen Existenzen Nemos in einem mehrdimensionalen filmischen Raum. Das ist hohe Filmkunst, aber auch ein lebendiger Spaß und zwischendrin sogar großes Gefühlskino, in dem die Bebilderung des Urknalls genauso ihren Platz hat wie die Nahaufnahme von Härchen, die sich bei der ersten Berührung der Geliebten zu einer Gänsehaut aufrichten.

Der Film ist randvoll mit solch zarten Details, die dafür sorgen, dass die Lust des Sehens nicht im lebensphilosophischen Diskurs untergeht. Acht Jahre hat der bekennenden Cineast Van Dormael an „Mr. Nobody“ gearbeitet, und das Ergebnis ist ein viriles, irritierendes und äußerst kunstvoll konstruiertes Stück Kino, das mit beiden Händen nach dem Leben greift.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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