Von wegen dicke Hose: Die tolle Band Slut aus Ingolstadt

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Machen weiterhin wehmütigen Indierock: Gerd Rosenacker (von links, Bass), Matthias Neuburger (Schlagzeug), René Arbeithuber (Keyboard), Rainer Schaller (Gitarre) und Sänger Chris Neuburger.

Es spricht für die Indierock-Band Slut, dass sie diese eine Kritik zu ihrem neuen Album gleich bei Facebook gepostet hat. Denn der Beitrag, so schrieben die fünf Musiker, ist „der geilste Verriss aller Zeiten“.

Der Autor des Online-Musikmagazins „Pretty In Noise“ schrieb von „einem selten dämlichen Bandnamen“, beliebigem Indierock, „wie schon tausendmal gehört“, irgendwie eingebauter Elektronik, damit Kritiker sich an Radiohead erinnert fühlen, fünf bekannten Produzenten, die vergeblich zum Erfolg verhelfen sollen, und einem „Dicke-Hose-Getue“, weil die Single „The Next Big Thing“ heißt und die Band bei Facebook notierte: „Also, wir machen immer geilen Scheiß.“

Das Letzte war Selbstironie, die man missverstehen kann. Alle anderen Kritikpunkte hätte man recherchieren können, weshalb sich die Frage stellt, wie schlecht es um die Musikkritik im Internet eigentlich bestellt ist. Also: Das bayerische Quintett um Sänger Chris Neuburger hat sich 1994 Slut genannt, was im Englischen „Schlampe“ heißt und im Schwedischen „Schluss“.

Mit ihrem mal poppigen, mal noisigen, aber immer melancholischem Indierock lieferten sie den Soundtrack für Hans-Christian Schmids Film „Crazy“ und traten im Vorprogramm von Robbie Williams auf. Schon 2001 experimentierten sie mit Elektronik. Später nahmen sie die „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill neu auf und vertonten Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ zu einem Multimedia-Theaterstück.

Slut waren neben The Notwist aus Weilheim Bayerns erfolgreichster Rockexport. Einige meinen gar, wenn die Musiker aus London oder Los Angeles kämen, wären sie internationale Stars. Nach fünf Jahren melden sie sich nun mit „Alienation“ zurück. Aufnehmen ließen sie es von den fünf Produzenten, mit denen sie schon bei den ersten sieben Alben gearbeitet hatten. Auch deshalb klingen die 13 Songs wie ein Best-of.

Da ist wieder Neuburgers warme Stimme, die wie ein Freund klingt, den man lang nicht mehr gehört hat. Slut liefern immer noch schöne Melodien, die sie manchmal mit Electro („Broke My Backbone“) oder Sitar-Klängen aus der Weltmusik („Silk Road Blues“) verfremden. Dazu passt der Albumtitel (Verfremdung).

„In dieser Musik fühlt man sich zu Hause, ohne den Geruch ungelüfteter Sofakissen ertragen zu müssen“, schreibt die Autorin Zeh. Das Musikmagazin „Piranha“ feierte Slut gerade als „Deutschlands beste Band“. Es spricht für Slut, dass die Band das zwar ebenfalls postete, aber so kommentierten: „Musik ist für uns kein Wettbewerb.“

Slut: Alienation (Cargo Records).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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