Von wegen Hölle Odenwald: Unsere Volontärin verteidigt ihre Heimat

Leona Nieswandt

Eine Hasstirade der FAS-Redakteurin Antonia Baum auf ihre Heimat im Odenwald hat eine ganze Region aufgebracht. Lokalpolitiker erzürnten sich. Die lustige Facebook-Seite Odenwaldhölle hat mehr als 10.000 Fans. Unsere Volontärin Leona Nieswandt wuchs ebenfalls im Odenwald auf und antwortet auf Antonia Baums Artikel.

Bäume so weit das Auge reicht. Kurvige Straßen, die auf Berge führen. Kleine Dörfer. Das ist der Odenwald, wie ich ihn sehe. Autorin Antonia Baum von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) sieht ihn anders, sie beschrieb diesen südlichsten und wohl idyllischsten Zipfel Hessens als das Grauen schlechthin: die Odenwaldhölle.

Sie hat mit ihrem Artikel knallhart mit der Region abgerechnet. Sie suchte sich den Odenwald aus, weil sie hier ihre Pubertät erlebte. Die Beschreibung ihrer Kindheit, die eher klingt, als hätte sie ihr Trauma von damals noch nicht richtig verarbeitet, zieht mein Heimatgefühl in den Schmutz. Schade, dass sie dort keine Heimat gefunden hat und ihren Frust nun herausposaunt. Sie beschreibt meine Heimat, in der ich mit meinen Freunden Baumhäuser baute und meinen ersten Kuss bekam, als trostlos. Ein Ort ohne Perspektive. Geht’s noch?!

Die späte Abrechnung mit dem Heranwachsen in der Provinz war wohl nötig für sie. Ich bin auch dort aufgewachsen. In Antonias Hölle. Ich habe mich dort wohlgefühlt. In der Nähe von Erbach. Bei diesen freundlichen Menschen, die immer ein Lächeln für uns Kinder übrig hatten und manchmal auch ein Gutsel (Bonbon). Außerdem haben sie einen ganz eigenen Dialekt, der eher dahingleitet, der mir hier in Nordhessen fehlt. Ich sah andere Optionen als die Autorin. Verbrachte meine Zeit nicht kiffend oder besoffen auf dem Spielplatz. Ich musste mir mein Leben nicht schön trinken, es war schön. Vom Klingelstreiche spielen über Inlinertouren entlang der Mümling bis hin zum Karussellfahren auf dem Wiesenmarkt. Übrigens eines der größeren Volksfeste in Deutschland.

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Verzählt hat sich Antonia Baum bei den eternitvernagelten Häusern. Davon gibt es nicht viele und sie prägen auch nicht die Region. Klar, je älter ich wurde, umso weniger reizvoll kamen mir die grünen Wiesen und die idyllischen Wälder vor. Schön war es in den Bars oder Cafés, in denen ich mich am Wochenende mit meinen Freunden zum Billiardspielen traf.

Wir alle haben Antonias Hölle völlig unbeschadet überstanden und bereuen es auch nicht, dort aufgewachsen zu sein. Ginge es nach ihr, hätten wir wohl alle bleibende Schäden zurückbehalten müssen. Haben wir aber nicht, wir blicken gerne auf diese Zeit zurück. Sie war so unbeschwert und wir durften noch Kind sein. Was kann es Schöneres geben. Zugegeben, wollten wir feiern gehen, mussten wir ein Stückchen fahren, kamen aber gerne zurück. So viele Erinnerungen kommen auf, wenn ich das Ortsschild passiere. Sie sind alle positiv, was mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert, weil ich weiß, dass ich Daheim ankomme. Über einen Zipfel Niemandsland an der Bergstraße schreibt Baum eigentlich. Mit dem Foto des maroden Stücks Fachwerk in Erbach liegt auch diese Stadt, meine Heimat, in der Hölle.

Wenn so die Hölle aussieht, lässt es sich dort aber ganz komfortabel leben. Vielleicht konnte dies Antonia Baum durch ihren vom Gras glasigen Blick aber auch nicht wahrnehmen. In Wahrheit zieht die Mümling ihre Bahnen malerisch unter einer Brücke hindurch und am Marktplatz thront das Erbacher Renaissanceschloss.

Wir Odenwälder lassen uns durch diese Negativpresse nicht unterkriegen. Wir sind schlau genug, sie für uns zu nutzen: Autoaufkleber werden produziert, T-Shirts mit dem Aufdruck „Ourewäller Mädsche“ hängen in den Schaufenstern. So kann jeder sehen, dass wir den Odenwald höllisch gut finden. Knapp eine halbe Million Besucher pro Jahr können sich ja auch nicht täuschen.

Von Leona Nieswandt

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