Als Weihnachtsmärchen zeigt das Kasseler Staatstheater „Eine Weihnachtsgeistergeschichte“

Wegweiser aus der Sprühflasche

Muss auf den rechten Weg zurückgebracht werden: Uwe Steinbruch als Ebenezer Scrooge (vorn)wird von Ecco Mylla als Geist der gegenwärtigen Weihnacht eingeschüchtert. Foto: Marina Sturm

Kassel. Aus der Sprühflasche verströmt der Geist der gegenwärtigen Weihnacht minutenlang Duftwolken. „Das habe ich schon mal gerochen“, erinnert sich Stinkstiefel Ebenezer Scrooge. Und langsam fällt es ihm wieder ein: Plätzchen, Apfelsinen, Kerzenwachs, Tannengrün? Klar, das ist der Duft von Weihnachten.

Der gruselige Geselle mit der Parfümwaffe (Ecco Mylla) hat Scrooge, den hartherzigen Geizkragen (Uwe Steinbruch), zu diesem Zeitpunkt schon fast weichgeklopft. Er und seine noch gruseligeren Geisterkollegen führen in Rüdiger Papes Stück „Eine Weihnachtsgeistergeschichte“ nach der bekannten Vorlage von Charles Dickens (1843) den verbitterten Kaufmann zu Stationen seines Lebens. Sie zeigen ihm, wie fröhlich andere Menschen das Fest der Feste feiern und begleiten ihn auf den Friedhof in der Zukunft, wo er sieht, wie die Sargträger seine Leiche fleddern.

Dieter Klinge inszeniert das 65-minütige Stück für Kinder ab sechs Jahren am Kasseler Opernhaus, die Premiere am gestrigen Vormittag wurde ausgiebig beklatscht. In einem der schönsten Weihnachtsmärchen der vergangenen Jahre überzeugen die ungezählten charmanten Details, der Witz, die Wärme und zugleich Ernsthaftigkeit, die die ganze Produktion ausstrahlt.

Uwe Steinbruch ist ein großartiger Ebenezer, der einschüchternd herumwütet – „Weihnachten? Humbug!, Liebe? Humbug!“ –, dem die Kinder im Publikum aber dann doch fürsorglich Hinweise geben, wenn wieder einmal ein Geist auftaucht: Steinbruchs Scrooge ist einer, mit dem man durchaus mitfühlt.

Sibylle Pfeiffers Bühne aus fahrbaren Modulen lässt sich zu Büro, Marktplatz oder zur Stube des armen Buchhalters umbauen. Sogar ein nostalgisches Karussell mit Tierfiguren entsteht. Sebastian Jurchen und Vincent Hammel huschen als schräge Straßenmusiker durch die Szenerie. Und die arme Familie von Scrooges Buchhalter Cratchit (Ecco Mylla) scheint gar in einer Schuhschachtel zu wohnen. Eindrucksvoll die Vergangenheitsszenen, in denen Christoph Förster voller Melancholie den jungen Ebenezer spielt. Andrea Cleven ist seine Jugendfreundin, die resigniert feststellt: „In dein Herz ist das Geld eingezogen.“

In zahlreichen weiteren Rollen spielen Valeska Weber, Peter Princz, Fenja Abel, Natascha Dummer, Stefanie Solar, Dankwart Pankow-Horstmann, Bonifatio Lopez-Lopez und Nikolas Wach.

Viele Kostüme von Isabell Heinke entführen in die viktorianische Zeit, während die Geister mal Riesenbrille und Moonboots tragen, mal skelettartige Krallenhände und mal ein Stechpalmengesteck auf dem Kopf zum Rauschebart. Am Ende bleibt Scrooges Erkenntnis: „Wenn der Mensch den Weg ändert, ändert sich auch der Mensch.“

Zahlreiche Aufführungstermine, Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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