Wort trifft Musik: Gudrun Landgrebe und Sebastian Knauer beim Kultursommer

Weihevolle Schwärmerei

Erleichtertes Lächeln: Pianist Sebastian Knauer und Gudrun Landgrebe (Rezitation) beim Schlussapplaus. Foto: Malmus

Kassel. „Als ich ihn sah, vergaß ich die ganze Welt.“ Ergriffen, hingerissen, verzaubert - so erzählte Bettina von Arnim von ihrer Begegnung mit Ludwig van Beethoven 1810 in Wien. Gudrun Landgrebe (Rezitation) und Pianist Sebastian Knauer erzeugten am Dienstagabend in der fast ausverkauften Reithalle am Marstall genau diese Stimmung der Bewunderung, Emphase, des Aufschauens zu „lichten Höhen“.

Bettina von Arnim betrachtete Beethoven als Genius, der Göttliches zustande bringt: das „Ungeahnte, Ungeschaffene“, himmlischer Zauber, reine Magie, eine höhere Offenbarung als alle Weisheit. Sie imaginierte ihn als „Weltherrscher“, der nichts weniger leistet als die Schöpfung zu vollenden. Als es ihr gelang, den menschenscheuen Komponisten in einer Gesellschaft zum Klavierspiel zu überreden, musizierte der, so ihr Bericht, versonnen, selbstvergessen, „seine Seele war ausgedehnt in einem Weltmeer von Harmonie“. Als Knauers „Adagio“ aus der Beethoven-Sonate d-Moll op. 31, 2 „Der Sturm“ folgte, hätte spätestens da das Publikum sicher gern Applaus gespendet.

Doch es herrschte weihevolle Strenge. Kultursommer-Intendantin Maren Matthes hatte auf Wunsch der Künstler gebeten, mit Beifall bis zum Ende zu warten. Auch die HNA-Fotografin durfte erst beim Schlussapplaus Aufnahmen machen. Das Duo war hochkonzentriert, jede Silbe, jeder Ton saß. Und Knauer, der viele solche „Wort-trifft-Musik“-Programme konzipiert, leistete unter erschwerten Hitze-Bedingungen Außerordentliches - bis die Schweißtropfen spritzten.

Gudrun Landgrebe, in Schwarz gekleidet, ganz dem Image der kühlen Schönen entsprechend, mit einer fantastischen Lesestimme gesegnet, hatte den Blick starr auf ihren Piano-Partner gerichtet, während dieser drei Beethoven-Sonaten spielte - die Sätze unterbrochen von der Collage in Ich-Form aus Bettina von Arrnims Briefen und anderen Texten. Größte Ernsthaftigkeit, kein Schweifen des Blicks, kein Lächeln. Erst beim Schlussapplaus löste sich die Anspannung. Knauer bedankte sich vor einer Mendelssohn-Zugabe und einem Andersen-Märchen, dass die 400 Besucher so „fantastisch leise“ gewesen seien.

Vielleicht ließe sich die Geschichte von Bettina, die 1810 noch Brentano hieß, und Beethoven auch anders erzählen: fröhlicher, unbefangener, als romantische Schwärmerei einer 25-Jährigen, die „die Himmelsleiter des Übermuts hinaufklettern“ will, sich beim berühmten Komponisten, damals 40, einschleicht und diese Begegnung später verklärt. Dass ihr wohl auch eine gewisse Tragikomik innewohnte, blitzte jedenfalls auf: Als der fast taube Komponist beim Spaziergang so laut auf Bettina einredete, dass sie gestand, es gehöre Mut dazu, ihm überhaupt zuzuhören.

Von Mark-Christian von Busse

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