Jan Weilers neuer Bestseller: Ein Krimi, der keiner ist

Mit „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ wurde der Journalist Jan Weiler 2004 zum Schriftsteller. Auch sein erster Krimi ist ein Bestseller, dabei ist das Buch vor allem ein Gesellschaftsroman.

Mit Krimis will der Krimi-Autor Jan Weiler am liebsten nichts zu tun haben. Er selbst liest keine und schaut kaum „Tatort“. Bislang drehten sich die Bestseller des Journalisten und Schriftstellers im weitesten Sinn um das Thema Familie („Maria, ihm schmeckt’s nicht“, „Das Pubertier“). Nun hat der 47-Jährige aber doch seinen ersten Krimi vorgelegt.

„Kühn hat zu tun“ steht seit Wochen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Die Kritiker sind begeistert und schreiben, dass gegen diesen Kommissar Kühn all „die dreiviertelinteressanten Detektive“ einpacken können. Den Lesern wird sogar empfohlen, die Schweden-Krimis aus den Regalen zu werfen, um Platz zu schaffen. Denn Weiler schreibt bereits an einem Nachfolger.

Dabei ist „Kühn hat zu tun“ gar kein richtiger Krimi, sondern ein Gesellschaftsroman. Gewiss, es gibt einen brutalen Mord an einem Rentner, außerdem wird ein Kind entführt, aber im Mittelpunkt steht der 44-jährige Martin Kühn, der mit seiner Frau und zwei Kindern in einer Münchner Vorortsiedlung ein typisches Mittelschichtleben führt und dabei ist, alles zu verlieren. „Das ist wie bei der Schluckimpfung“, sagt Weiler: „Der Humor war der Zuckerwürfel für die Medizin, jetzt ist die Kriminalstory halt der Zucker für den Leser.“

Hinter Kühns Haus wird ein alter Mann erstochen aufgefunden. Der Polizist muss den rätselhaften Mord aufklären, aber auch seine Ehe retten, der Tochter klarmachen, dass ein Pferd als Geburtstagsgeschenk viel zu teuer ist, und den Sohn davor bewahren, ins rechte Milieu abzudriften. Die Flecken an der Wand im Keller könnten zudem Giftstoffe einer ehemaligen Munitionsfabrik sein, die früher einmal dort stand, wo heute Träume von einem besseren Leben zerplatzen. Nebenbei geht es noch um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Das klingt nach ganz schön viel, aber Weiler verbindet alles sehr geschickt und spannend. Selbst für das Durcheinander in Kühns Kopf findet er passende Worte: „Es ist, als sei jeder Gedanke ein Auto in einem großen Stau. Und alle hupen gleichzeitig.“

Nur dass der Staatsanwalt ständig als unmittelbarer Vorgesetzter des Polizisten auftritt, ist ärgerlich und ungefähr so realistisch wie für einen Mediziner die „Schwarzwaldklinik“. Vielleicht hat Weiler heimlich doch zu viel „Tatort“ geschaut.

Jan Weiler: Kühn hat zu tun. Kindler, 320 S., 19,95 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Person

Geboren: am 28. Oktober 1967 in Düsseldorf

Ausbildung: Deutsche Journalistenschule München

Karriere: Arbeitete als Werbetexter und war Chefredakteur des „SZ-Magazins“. 2004 landete er den Bestseller „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“. 2016 kommt „Antonio im Wunderland“ ins Kino.

Privates: Lebt mit seiner Familie in der Nähe des Starnberger Sees.

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