Der Weise will nicht regieren: Dürrenmatts "Romulus der Große" am Deutschen Theater

Unkonventionelle Römer: (von links) Gerd Zinck als Romulus, Angelika Fornell als Julia, Andreas Jeßing als Minister und Nikolaus Kühn als Oströmischer Kaiser Zeno. Foto: Jauk

Göttingen. Romulus hat null Bock aufs Regieren. Statt das Römische Reich vor dem Einmarsch der Germanen und dem drohenden Bankrott zu retten, lebt er seit seiner Kaiserkrönung vor zwanzig Jahren auf seinem Landsitz und züchtet Hühner.

Mit lang anhaltendem Applaus honorierte das Premierenpublikum im Deutschen Theater Göttingen eine teils recht komödiantische, sehr gelungene Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts Parabel „Romulus der Große“.

Gerd Zinck spielt den Romulus als freundlichen und zunächst leicht vertrottelten Menschen, der die letzten goldenen Lorbeeren aus seinem Kranz hergibt, um die Kammerdiener (sehr schön kriecherisch dargestellt von Dorothea Lata und Bardo Böhlefeld) zu bezahlen. Scheinbar ohne politische Ambitionen sitzt er zufrieden auf einem Sack Hühnerfutter auf dem Strohdach seines heruntergekommenen Landhauses (Bühne: Michael Böhler), statt auf dem Thron in Rom.

Den vom Hosenfabrikanten Rupf (Ronny Thalmeyer) in Aussicht gestellten finanziellen Rettungsschirm für die Hand der Prinzessin Rea (Lata) lehnt er ab. Seine Minister (Lutz Gebhardt, Andreas Jeßing), seine auf ihren Vorteil als Kaiserin bedachte Frau Julia (Angelika Fornell), die Tochter und der um Asyl suchende Oströmische Kaiser Zeno (Nikolaus Kühn) können ihn nicht umstimmen und fliehen schließlich verzweifelt Richtung Sizilien.

Dass Romulus durchaus einen moralischen Plan verfolgt, wird spätestens mit dem Einmarsch des germanischen Heerführers Tullius (Böhlefeld) klar. Auch dieser verhält sich nicht so, wie man erwartet hat, auch er züchtet Hühner. In einer herrlich skurrilen Szene kämpfen beide, sich auf dem Boden balgend, um die Nicht-Herrschaft ihrer Reiche.

Friedrich Dürrenmatt hat die Parabel 1948 noch im Bann des Nationalsozialismus geschrieben. Der kritische Blick auf Großmächte, Politikverdrossenheit und Finanzkrisen ist jedoch nach wie vor aktuell. Matthias Kaschig und Sonja Bachmann (Regie, Dramaturgie) haben das Stück mit entlarvendem Humor umgesetzt, und spielen zur Erheiterung der Zuschauer mit der Tücke von Vorurteilen und Klischees.

So verkörpert Böhlefeld den Germanenfürsten als schnittigen Südeuropäer und Thalmeyer ist als Rupf eine witzige Mischung aus preußischer Korrektheit und angepasstem Gastarbeiter in Rom, in Anzugjacke über der hochgekrempelten Toga (Kostüme Stefani Klie). Pfeildurchbohrt, hundemüde und stets pflichtbewusst taumelt Gabriel von Berlepsch als Reiterpräfekt Spurius immer wieder über die Bühne und sorgt dadurch für manch slapstickartige Szene.

Die Inszenierung geht vom komödiantisch geprägten ersten Teil in ernstere Töne über, als die Hintergründe für Romulus’ seltsames Verhalten klar werden. Überzeugend, wie Zinck die vorgetäuschte Weltfremdheit in seiner Mimik verliert und eine moralisch-ernsthafte Note dazugewinnt. Eine gelungene Aufführung mit Wiedererkennungswert.

 

Wieder am 27.1., 3. und 10.2., Karten: Tel. 0551/496911.

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