Auf der CD „Alles dreht sich“ erweist sich Stefan Gwildis wieder als großer Erzähler

Die Weisheit des Bofrost-Manns

Mit dem Meer und Norddeutschland verbunden: Soulsänger Stefan Gwildis. Foto: nh

ganz tief aus dem Untergeschoss der Stimme kommen die ersten Worte, wenn Stefan Gwildis mit „Oh Baby“ seinen Liedtext ansetzt. Hier verbeugt sich einer vor Sänger Barry White und der großen Tradition des Soul. Elegante Sounds in sorgfältig zusammengestellten Arrangements, Klangwelten, die an die schwarze Musik der 60er/ 70er erinnern – und dazu eine ironische Brechung: Mit dieser Mischung überzeugt der Hamburger Sänger auch auf seinem aktuellen Album „Alles dreht sich“.

Aus seinen Anfängen vor gut zehn Jahren, wo Gwildis Soulklassikern einen frei interpretierten deutschen Text verpasst, aber das Glitzern der Originale aufgegriffen hat, ist dieser respektvolle Umgang mit der schwarzen Musiktradition geblieben. Nun in eigenen Liedern. Etwa in dem mit dem Barry-White-Anfang: „Doppelhaushälftenherz“. Hier betrachtet Gwildis eine einsame Hausfrau in ihrem überdekorierten Reihenhausgarten aus der Sicht eines Bofrost-Auslieferungsfahrers, der sie schon lange kennt, oder, wie er singt: „Es ist jetzt elf Jahre oder besser 3751 Fertiggerichte her.“ Wie Gwildis die Tristesse des normierten Glücksideals zwischen Familienhund und Elternvertreterinnen-Posten auf den Punkt bringt, und Worte wie „Speckgürtelfrauenversteher“ ins deutsche Liedgut einspeist – das ist wirklich toll.

Auf dem Album wird es heftig melancholisch, wie in den Balladen „In meiner Kathedrale“ und „Wo wir hingehen“. Eine Gospel-Hymne mit tollen Background-Chören ist „Zu Dir“ und dem hanseatischen Lebensgefühl huldigt der Sänger mit der rauen Stimme und den Arbeitsstiefeln zum grauen Drei-Tage-Bart mit „Pollerhocken“ und dem schwelgerischen „Mein Meer“.

Eine leichtfüßige Samba ist „Naja Naja“, in der Gwildis mit dem Vorurteil der deutschen Ernsthaftigkeit und Humorlosigkeit spielt und die Frauenchöre glatt von Altmeister Sergio Mendes ausgeliehen sein könnten. Rhythmisch vertrackt wird „Sonntag“, wo Gwildis ebenfalls stilistisch nach Brasilien schaut, und die verliebte Leichtigkeit des Seins in Lyrik und Musik fasst.

Stefan Gwildis: Alles dreht sich (105 Music/Sony), Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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