Die Berlinale zeigt Menschen unter Extrembedingungen und Menschen im Aufbruch

Die Weisheit aus der Küche

In den Händen islamistischer Geiselnehmer: Isabelle Huppert als gefangene französische Sozialarbeiterin in „Captive“. Foto: dpa

Berlin. Abbruch, Umbruch, Aufbruch. Die Berlinale erzählt in diesem Jahr besonders viele Geschichten von Menschen, deren Leben sich ändert, und die mit der neuen Situation klarkommen müssen. Dabei ist es unerheblich, ob man sich für die Veränderung bewusst entschieden hat.

Der philippinische Starregisseur Brillante Mendoza wählt für seinen Wettbewerbsfilm einen extremen Weg. Er erzählt eine Geisel-Geschichte aus den Philippinen von der Befreiungsbewegung Abu Sayyaf. Mendozas etwas eintöniger Film „Captive“ basiert auf wahren Begebenheiten. Isabelle Huppert spielt eine französische Sozialarbeiterin, die in die Hände der Islamisten gerät. Gefangene und Geiselnehmer sind gemeinsam über Monate unterwegs durch den Dschungel. Sie hassen sich, töten sich, kommen sich näher, verstehen sich besser.

Schließlich werden aus eindimensionalen Gegnern komplexe Menschen. Und damit die Gefühle noch besser erlebbar sind, hat Mendoza seine Darsteller unvorbereitet in Extremsituationen gebracht: Anstrengung, Hunger, Hitze, Insekten, Schlamm. Isabelle Huppert habe ihn beim Dreh sogar gefragt, ob die Film-Geiselnehmer echte Abu-Sayyaf-Mitglieder seien, erzählt er bei der Filmvorstellung. Die sähen so bedrohlich aus.

Bedrohlich sind Veränderungen oft. Auch für Colette aus dem Wettbewerbsfilm „Shadow Dancer“ von James Marsh. Die junge Irin ist in Belfast im Umfeld der IRA aktiv, wird vom britischen Geheimdienst geschnappt und vor eine fast unmögliche Entscheidung gestellt: Sie soll entweder ihre Familie verraten, oder sie muss ins Gefängnis, und ihr kleiner Sohn kommt ins Heim. Colette will aussteigen, aber wie kann das praktisch gehen? Clive Owen, Andrea Riseborough und die anderen Darsteller entwickeln ein unglaublich intensives Spiel in diesem eng gewebten Psychothriller – ein Höhepunkt im Wettbewerbsprogramm.

Viel ruhiger präsentiert sich Spiros Stathoulopoulos’ „Metéora“ über die unerlaubte Liebe zwischen einem Mönch und einer Nonne in zwei benachbarten griechischen Klöstern. Die Lebensveränderung, mit der sie sich auseinandersetzen müssen, als sie einander immer intimer begegnen, bringt sie in Konflikt mit ihrem Glauben.

Stathoulopoulos kombiniert unwirklich schöne Naturaufnahmen mit Comic-Zeichnungen im Ikonen-Look. Die Geschichte bleibt zwar spröde, diese Optik ist aber außergewöhnlich.

Schließlich spielt der US-Rapper Saul Williams in Alain Gomis’ französisch-senegalesischer Produktion „Aujourd’hui“ den Familienvater Satché, der eines Morgens aufwacht und weiß, dass dies sein letzter Tag sein wird.

Er nimmt Abschied von Orten und Menschen seines Lebens. Und er trifft seinen Leichenwäscher, der eine der schönsten Weisheiten dieser Berlinale für ihn parat hat: Das Leben ist, als wolle man in der Küche etwas suchen, und wenn man dort ist, weiß man nicht mehr, was es war.

Von Bettina Fraschke

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