Der Chor Cantiamo Piccolo mit Distler und Schütz im Sepulkralmuseum - Übergabe einer Zinnert-Büste

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt

Jung und schön: Die Büste einer unbekannten Frau von Carl Julius Zinnert, eine Neuerwerbung des Sepulkralmuseums. Foto: Museum/nh

Kassel. Der Tod kam, grell geschminkt, mit unerbittlichen, eindringlichen Spazierstockschlägen, die die Stille im voll besetzten Untergeschoss des Museums für Sepulkralkultur zerrissen. Alexander Pluquett sprach die Totentanz-Texte des Angelus Silesius, die Hugo Distler (1908-1942) in 14 Motetten zum Totensonntag vertont hat und die der Kasseler Uni-Chor Cantiamo Piccolo unter Leitung von Andreas Cessak Mittwochabend in einer beeindruckenden szenischen Aufführung vortrug.

Kaiser und Bischof, Landsknecht und Schiffer - sie alle treten dem Tod gegenüber, erschrocken und bestürzt. Ihnen werden Ruhm- und Ehrsucht, Stolz und „hoffärtige Sitten“ vorgehalten. Sie jammern, wollen verhandeln, doch ist es der Tod, der die Menschen, Reich oder Arm, nach seiner Pfeife tanzen lässt. Eindrucksvoll, wie im Wechselspiel der präzise und voller Dynamik agierenden 15 Sänger, des Flötisten Dominik Schilling und des ausdrucksstarken Darstellers Pluquett der Todesreigen ablief.

Als die „Jungfrau“ bettelte: „Könnt ich doch einen Korb dir geben, noch jung und schön ein bisschen leben!“, mag der Blick zur Büste einer unbekannten Frau geschweift sein, die Museumsleiter Prof. Dr. Reiner Sörries zu Beginn vorgestellt hatte. Das Marmorbildnis, 1855 von Carl Julius Zinnert geschaffen, konnte das Museum dank eines 3000-Euro-Zuschusses des Vereins für Begräbnis- und Friedhofskultur erwerben. Der Verein löst sich auf, „sang- und klanglos“, wie es sein Vorsitzender Bernd Foerster (Homberg) bedauerte, und hat sein verbliebenes Vermögen für den Ankauf gestiftet. „Ziel und Anspruch waren zu hoch“, sagte Foerster: für traditionelle, individuelle Trauer- und Bestattungsriten zu werben, dem Trend zur anonymen Beisetzung entgegenzuwirken und Friedhöfe als Orte einer gemeinschaftlichen Erinnerungskultur zu erhalten.

Oder ob sich die junge Frau, statt um das Glück der Erde zu feilschen, in Bibeltexten wie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ wiedergefunden hätte? Heinrich Schütz nahm sie 1636 als Grundlage zu seiner Begräbnismusik, den Musikalischen Exequien. Sie bildeten den Auftakt des schönen Konzerts. „Drum fahr ich hin mit Freuden“ - auch dieser barocken Frömmigkeit gab der Chor überzeugend Ausdruck.

Von Mark-Christian von Busse

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