Weite wie im Wilden Westen: Freilichtmalerei in Willingshausen

Die Wahrnehmung der Landschaft bekommt eine ganz neue Bedeutung: Eduard Schleich d. Ä., „Holländische Windmühlen“ (um 1862). Fotos: nh

Willingshausen. Als „talentlos“ wurde Eduard Schleich d. Ä. (1812-1874) mit nur 17 Jahren von der Münchner Akademie entlassen. Also ging er fortan einen eigenen Weg, er entwickelte sich gegen die akademischen Konventionen. Und wurde zu einem Wegbereiter der modernen Landschaftsmalerei.

„Schleich war eine große malerische Begabung“, sagt Bernd Küster, „sein Einfluss reichte weiter als der seiner akademisch gereiften Kollegen.“ Dass ihm höhere Wertschätzung gebühren sollte als bisher, zeigt der Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung, die er für die Vereinigung Malerstübchen Willingshausen (Schwalm-Eder-Kreis) überwiegend mit Werken aus Privatbesitz zusammengestellt hat.

Gute Kontakte zu Sammlern ermöglichten die Schau, sagt Küster. Sie stellt einen Bezug her von den süddeutschen Künstlern um Schleich zum Malerdorf in der Schwalm, seinerseits eine der frühesten Künstlerkolonien in Europa. Nicht um Willingshausens Bedeutung zu schmälern, sondern um zum Vergleich einzuladen, Austausch, Vernetzung der Künstler darzustellen.

Denn das ist für Küster das Faszinierende: Wie an verschiedenen Stellen, teils auch unabhängig voneinander, abseits der Akademien, eine Entwicklung in Gang kam - weshalb er Werke der Hessen Ludwig Emil Grimm und Ludwig Knaus (darunter dessen Skizzenbuch) einbezogen hat. Ihre Gemeinsamkeit: Natur intensiv zu studieren, Landschaft neu, anders wahrzunehmen. Einerseits schenkten sie Details wie Pflanzen, Bäumen, Felsbrocken Aufmerksamkeit, sie malten kleine Formate auch vor dem Motiv. Die Eindrücke setzten sie im Atelier aber auch zu großformatigen Gemälden zusammen, die auf Vordergrund, Staffage verzichten. Eine zwar noch komponierte, „synthetische Welt“, so Küster, die aber doch „wirklich“ scheint, an der Natur ausgerichtet, durch echte, unmittelbare Anschauung belebt.

Zu den Künstlern, mit denen Schleich wandernd durchs Voralpenland zog und auf Studienreisen ging, gehört Carl Spitzweg (1808-1885). Auch er ein „halber Amateur“, so Küster, der für biedermeierliche Genremotive mit feiner Ironie bekannt ist, hier aber als Naturzeichner und Landschaftsmaler gezeigt wird. In Barbizon, der ersten Kolonie von Freilichtmalern, ließen sich beide inspirieren.

Düster und winzig sind manche Bilder, sie zeigen ein Bachufer, dunkle Berge im Dämmerlicht, aber zu sehen sind vor allem einige wunderbare Abendstimmungen am Ammersee, in den Alpen oder in den Niederlanden, bei denen spätes, schräges Sonnenlicht durch die Wolken bricht.

Bei Schleich sieht ein Reiter im Fluss mit seinem breitkrempigem Hut aus, als stünde er mit seiner Rinderherde im Wilden Westen. Großartig, wie in seiner „Schmiede in einer Gebirgsschlucht“ (um 1838/40) das Feuer brennt, Sonne eine Felspartie beleuchtet, Wurzeln sich an den Stein krallen, Wasser zu Tal schießt. Winzig sind ein Wegkreuz und ein entfernter Wanderer zu erkennen, der alle Neugier auf sich zieht.

„Der Sprung in die Moderne erfolgt über die Landschaft“, sagt Bernd Küster. Hier ist der Anfang.

Bis 10. November, Gerhardt-von-Reutern-Haus, Merzhäuser Str. 1, Willingshausen. Di bis So 14 - 17 Uhr, Sa/So auch 10 bis 12 Uhr. Eintritt 4 Euro. Nächste Führung: 13.10., 15 Uhr. Vortrag am 10.10., 19 Uhr, „Natur und Mensch bei Spitzweg und Schleich“.

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