Die Kulturszene streitet über den Umgang mit China - Museumschefs stehen zu Aufklärungs-Schau in Peking

Ai Weiwei und der Phaeton

Martin Roth

Die Inhaftierung des regimekritischen Künstlers Ai Weiwei schlägt in der deutschen Kulturpolitik und Museumslandschaft hohe Wellen. Kern der Debatte ist, ob und wie Deutschland einen kulturellen Dialog mit einer Diktatur führen sollte.

Ai Weiweis Festnahme geschah zu einem hochsymbolischen Zeitpunkt: Der 54-jährige Star der documenta 2007 war am 3. April auf dem Pekinger Flughafen festgesetzt worden, zwei Tage, nachdem Außenminister Guido Westerwelle im Nationalmuseum eine Kunstausstellung zur Epoche der Aufklärung eröffnet hatte.

Mit Ais Inhaftierung seien er und seine Delegation „regelrecht vorgeführt“ worden, sagte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im „Focus“. Die Gemälde-Schau sei „Dekoration für eine Propagandashow eines autoritären Regimes“.

Unter Druck geraten die Leiter der staatlichen Museen und Kunstsammlungen in Dresden, Berlin und München, die für die Schau verantwortlich zeichnen. Sie beklagen in einer Erklärung in der FAZ, dass nur „prominente Tatbestände“ Schlagzeilen machten, man aber „nicht grundsätzlich zu diskutieren bereit“ sei, wie sich Deutschland zu Diktaturen verhalten solle: Goethe-Institute schließen? Konzertreisen einschränken? Austauschprogramme absagen?

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) springt ihnen bei. Die Schau stehe für Toleranz und Freiheit. Das Begleitprogramm müsse genutzt werden, sich für die Freiheit der Kunst in China zu engagieren.

Besonders Martin Roth, Generaldirektor in Dresden, wird angegriffen. Er hatte in der „Zeit“ über Ai Weiwei gesagt: „Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind.“ Der renommierte Kurator Hans-Ulrich Obrist fand diese Äußerung „nicht solidarisch“, zumal Ai kein „Effekthascher“ sei. Ulrich Wilmes, Hauptkurator am Haus der Kunst in München, nannte sie menschenverachtend und bagatellisierend.

In der „Sächsischen Zeitung“ argumentierte Roth - was viele Kommentatoren zynisch finden - ökonomisch: „Wirtschaftlich verflochten sind wir längst, wir leben geradezu von China! Ohne China müsste morgen die Phaeton-Produktion eingestellt werden. Diese Diktatur gibt uns in unserer Demokratie Lohn und Brot.“

Architekt des erweiterten Nationalmuseums am Platz des Himmlischen Friedens - wo 1989 die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde - ist Meinhard von Gerkan, der auch den Hauptbahnhof in Berlin gebaut hat. Der 76-Jährige bekräftigte im „Spiegel“, er würde weiter Symbolbauten in China bauen. „Sich hinzustellen und zu brüsten: ,Ich baue nicht, also mache ich nichts falsch’, halte ich für weltfremd und unglaubwürdig.“

Von Mark-Christian von Busse

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