Ein Ahnentempel und 1005 Rettungswesten

Lotusblüten im Bassin: Erste Ausstellung von Ai Weiwei in Österreich

Das barocke Ambiente schluckt subtile Verweise: Ai Weiweis Rettungswesten im Garten des Oberen Belvedere in Wien. Fotos: Museum

Wien. „translocation - transformation“ nennt der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei, der mit seinem „Template“ getauften Holzturm aus alten Türen das wohl spektakulärste Kunstwerk der documenta 12 geschaffen hatte, seine jüngste Ausstellung.

Sie sorgt derzeit in Wien für Furore. Der Titel wäre, zugegeben uneleganter als im Englischen, mit „Umsiedlung - Verwandlung“ zu übersetzen.

Veränderungsprozesse, ausgelöst durch Ortswechsel, Vertreibung, Migration, bei Menschen wie Objekten: das Thema, auf das sich das Schaffen des Künstlers mehr und mehr fokussiert. Die phänomenalste unter vielen beeindruckenden Wiener Installationen birgt das „21er Haus“, das von der Crew des Belvedere seit einigen Jahren mitbespielte Museum für zeitgenössische Kunst.

Der Ahnentempel

Inmitten der großen Ausstellungshalle hat Ai Weiwei den während der Kulturrevolution dem Verfall anheimgegebenen Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der späten Ming-Dynastie wieder aufbauen lassen, originalgetreu, 14 Meter hoch, aus über 1300 Einzelteilen.

Ai Weiwei

Um diesen Transformationsprozess gebührend würdigen zu können, muss man wissen, was ihn zu dieser Installation, der ersten außerhalb Chinas, verführte: Auch jenes 21er Haus hat eine Ortsveränderung hinter sich. Auch sein Weiterbestand hing an einem seidenen Faden: Ursprünglich war es der für die Weltausstellung 1958 in Brüssel von dem Architekten Karl Schwanzer konstruierte, damals mit dem Grand Prix dekorierte österreichische Länderpavillon. Nach der Ausstellung war zunächst seine Verschrottung geplant, aufgrund der Auszeichnung entschloss man sich zu einer Verlegung nach Wien, schließlich zu einer Umwidmung. So bietet jetzt ein Vertriebener des 20. Jahrhunderts dem 300 Jahre älteren Schicksalsgenossen ein Asyl auf Zeit - eine perfekte Fusion, deren Stimmigkeit auch spürt, wer mit den geschichtlichen Details nicht vertraut ist.

Die Rettungswesten

Im Garten des Oberen Belvedere, dem Sommersitz des Prinzen Eugen, setzt Ai Weiwei indes weniger auf Umarmung denn auf Konfrontation: 201 Ringe aus jeweils fünf Rettungswesten, welche syrische Flüchtlinge auf der Insel Lesbos zurückließen, im ganzen 1005, schwimmen wie Lotusblüten auf dem Wasser des barocken Bassins. Mit eben diesen Westen hatte der Künstler vor kurzem die Säulen des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt verhüllt. Schon da überwog der dekorative den aufklärerischen Aspekt.

In Einzelteilen nach Wien gebracht: Tempel einer Teehändlerfamilie.

In Eugens Lustgarten werden die ansehnlichen Blütenstände zudem umrahmt vom „Circle of Animals/Zodiac Heads“, Bronzeköpfen der zwölf Tiere aus dem chinesischen Horoskop. Eine Installation, die an die Plünderung des kaiserlichen Sommerpalasts durch französische und britische Truppen um 1860, gegen Ende des Opiumskriegs, erinnern soll. Doch das barocke Ambiente mit seinem Herrschaftsgestus verschluckt derart subtile Verweise. Vielleicht hätte eine einzelne Schwimmweste, vielleicht ein einziges Horoskoptier für Irritation gesorgt. Ai Weiwei hat diese Konfrontation nicht einkalkuliert. So sind tatsächlich im - ebenfalls durch die Geschichte verletzten - 21er Haus die wahren Kostbarkeiten zu entdecken.

Bis 20. November, verlängerte Öffnung aufgrund des Publikumsinteresses (Mi bis 21 Uhr)

Infos: www.belvedere.at

Blog zur Ausstellung: www.aiww21.com

Twitter: #aiww21

Mehr zu Ai Weiwei finden Sie im Regiowiki.

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