Christian Doll inszeniert bei den Bad Gandersheimer Domfestspielen Shakespeares „Wie es euch gefällt“

Welch ein Überschwang an Liebe

Verwirrspiel: Rosalinde (Julia Friede) testet Orlandos (Moritz Fleiter) Liebe. Foto: Hillebrecht

Bad Gandersheim. Wie war das damals, als wir einander nahe kamen? „Ich habe hier gestanden“, „ich habe dich gar nicht angesehen“ ... Es ist eine hübsche Idee von Christian Doll, den einmaligen, den alles entscheidenden, den magischen Moment, in dem sich Rosalinde (Julia Friede) und Orlando (Moritz Fleiter) ihrer Liebe bewusst werden, mehrmals zu wiederholen, als immer neue Vergegenwärtigung ihrer Zuneigung und ihres Verlangens.

Sehnen, Taumeln, Fiebern – Facetten der Liebe dekliniert der Intendant der Bad Gandersheimer Domfestspiele mit Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt“ in seiner mit stürmischem Beifall belohnten Inszenierung durch: Nach dem Kinderstück „Eselhundkatzehahn“ die erste, bei Weitem nicht ausverkaufte Abendpremiere der Saison. Die Shakespeare-Übersetzung stammt von Frank Günther, Gegenwartsbezüge reichen bis zur Kinderarbeit in Kleiderfabriken in Bangladesch.

Doll braucht nur eine karge Bühne (eingerichtet von Cornelia Brey): eine Bretterwand, die die Sphäre des Hofs mit seinen Machtspielchen und Intrigen vom Ardenner Wald trennt. Dorthin hat der neue (Christian Alexander Müller) den alten Herzog, seinen Bruder (auf Krücken: Gunter Heun), verbannt.

Der Wald ist ein utopischer Raum. Herrlich karikiert der alte Fürst, ein Rotwein trinkender Gourmet, unsere Sehnsucht nach dem Zurück zur Natur, dem einfachen Leben. „Ist das alles echt! So’n Holz gibt’s ja nur im Wald!“ Er schwärmt von der guten Luft, den Vögeln – die vor der zauberhaften Kulisse der Stiftskirche ihren Live-Kommentar abgeben – und der Wildkräuter-Honig-Marinade zum Hirschsteak. Und das Basilikum nicht schneiden, immer nur zupfen!

Grill, Kühlboxen, Luftschokolade – von unserem Luxus hätte Shakespeare nicht mal träumen können. Alles andere ist über Jahrhunderte gleich geblieben: Rivalität unter Brüdern. Machtgier. Furcht vor Verrat. Und natürlich die Liebe, die einen zum Narren macht.

Orlando wird von seinem Bruder Oliver (Alexander di Capri) unterdrückt, einem Günstling des Hofs. Als er den Hofringer im Kampf besiegt, eine David-gegen-Goliath-Situation, muss er aus dem Sichtfeld des launischen neuen Fürsten mit seinem Speichellecker-Gefolge ebenso fliehen wie Rosalinde, die Tochter des alten Herzogs. Celia (Alice Hanimyan) aber, Tochter des herrischen Neuen, steht der Cousine bei. Rosalinde verkleidet sich – im Wald ist es gefährlich – als Mann. Und stellt, in dieser männlichen Verkleidung wiederum Rosalinde spielend, die Liebe ihres Orlando auf die Probe – ein temporeiches, schwungvolles Verwirrspiel.

Julia Friede ist der umjubelte Star des Abends. Ulkig, wie sie männliche Gesten und Posen probiert, breitbeinig, selbstbewusst, die Hände am Gürtel oder sich am Gemächt kratzend. Von Orlando kann sie sich gar nicht loseisen, immer wieder läuft sie auf ihn zu. Und er? Schreibt Rosalinde in die Rinde, ins Publikum regnen schwärmerische Verse.

Welch ein Überschwang an Liebe. Die derb-drastische Variante steuern Schäfer Corin (Gregor Knop) und Narr Probstein (Christine Dorner) bei. Philosoph Jaques (Sebastian Strehler) singt die berühmten Verse „Die ganze Welt ist Bühne ...“ zur Schrammelgitarre.

Am Ende wird die Bretterwand eingerissen, das Idyll Wirklichkeit. Die Brüder versöhnen, alle Paare kriegen sich, Cousine Celia bekommt Orlandos Bruder Oliver und der Schäfer Silvius (Ringer Silvio Römer ebenso in einer Doppelrolle wie Julia Lißel als Amiens/La Belle) die zickige Phöbe (Dominika Szymanska). Das Leben, ein Bad Gandersheimer Sommernachtstraum.

Bis 16.8., nächste Termine: heute, 9., 12., 15., 22. Juli, www.gandersheimer-domfestspiele.de, Tel. 05382/73-777.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.