Ein Göttinger Orpheus-Abend mit Laurence Cummings und der Sopranistin Ruby Hughes

Welche Macht hat die Musik?

Ruby Hughes

Göttingen. Er ist der Inbegriff dessen, was Musik vermag: Orpheus, der Sänger, der mit der Macht seines Gesangs sogar die Götter betört. Für die Komponisten der Barockzeit ein beliebter Stoff und gleichzeitig eine Herausforderung, den Beweis der Wirkmächtigkeit von Musik anzutreten.

Drei Versionen der herzerweichenden Geschichte von Orpheus’ letztlich scheiternder Errettung seiner Geliebten Eurydike aus dem Totenreich waren bei den Göttinger Händel-Festspielen zu erleben. Mit dem Programm „Orphée“ stellte sich der künftige künstlerische Leiter, Laurence Cummings, dem Göttinger Publikum vor. Er löst im nächsten Jahr Nicholas McGegan ab, der das Festival 20 Jahre lang leitete und nachhaltig prägte.

Cummings’ Einstand verhieß zunächst Gutes: Als Cembalist und als Leiter der London Handel Players zeigte sich der prominente Brite als überlegener Musiker. Das Charisma McGegans, dessen heitere und positive Ausstrahlung besitzt Cummings allerdings nicht.

Als Musikertyp steht er für Zurückhaltung und seriöses Musizieren. So seriös, dass man sich mitunter etwas mehr Spannung und vor allem Spontaneität gewünscht hätte. Einige der jungen Barockensembles, die ebenfalls eine historisch informierte Spielweise pflegen, versprühen da mehr Lebendigkeit.

Vielleicht lag es aber auch an den drei Orpheus-Kantaten von Louis-Nicolas Clérambault, Georg Friedrich Händel und Jean-Philippe Rameau, dass in dem zweieinhalbstündigen Konzert der Lamento-Anteil den Anteil freudig beschwingter Musik deutlich überstieg.

Die Solistin Ruby Hughes sorgte allerdings für dramatische Akzente: Mit starkem Ausdruck und kernigem, bisweilen auch etwas scharfem Sopran ließ sie besonders die vielgestaltigen rhetorischen Ansätze der Rameau-Kantate lebendig werden: Tiefe Trauer in der Arie „Amour, amour“, kecke Selbstsicherheit in der moralisierenden Schlussarie über schädliche Ungeduld in der Liebe.

Instrumentale Intermezzi der Handel Players (neben Cummings die Flötistin Rachel Brown, der Geiger Adrian Butterfield und die Gambistin Katherine Sharman) von Händel, Louis Couperin, Rameau und Leclair lockerten den Abend in der ausverkauften Uni-Aula ab. Das heftig beklatschte Konzert ging mit einer Arienzugabe aus dem Händel-Oratorium „Theodora“ zu Ende.

Von Werner Fritsch

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