Tanztheaterabend „Bilderfluten“ im Kasseler Opernhaus gefeiert

Kassel. Glitzerkleidchen aus goldenen Pailletten blenden, lassen uns nicht richtig hinschauen. Zum Kern müsste man kommen, zur Substanz, zu den Wurzeln, vielleicht zum Glück.

Im Operationssaal wird zum klickenden Geräusch des Monitors das glitzernde Kleid der jungen Frau zerschnitten, seziert, Streifen um Streifen von der Haut abgehoben. Bis sie nackt dasteht, minutenlang. Fast wie im Traum bewegt sich die Tänzerin Laura Ramos Santana über die Bühne, später liegt sie mit Ryan Mason auf dem Boden, bloß und aneinandergeschmiegt. Vielleicht Adam und Eva, vielleicht eine Utopie des Glücks.

„Bilderfluten“ nennt Choreograf Johannes Wieland seine neue Tanztheaterproduktion, die er mit einem 14-köpfigen Ensemble, darin drei Gasttänzer, auf die von Stephanie Burger mit silbernen Vorhängen durchzogene Bühne des Kasseler Opernhauses stellt. Mutige, waghalsige und poetische Szenen ziehen zur Wohlfühlmusik oder Minimal Music (Sound: Donato Deliano) am Publikum vorbei, zuweilen in filmischen Endlosschleifen wie das der tanzenden Paare in Täter-Opfer-Konstellation: die Pistole, der Schuss, der wegsackende Körper.

Wieland legt den Finger in die Wunde der medialen Gesellschaft und ist doch nie zu schwer in seiner Choreografie. Die Welt ist eine Castingshow geworden, in der auch die Gefühle von Lea Tirabasso wunderbar gepost werden. In der Ryan Mason als Showstar im weißen Anzug (Kostüme: Evelyn Schönwald) am Mikro zusammenbricht, in der ein körperglänzender Bodybuilder (Raul Rahimi Coralles) aus dem Bühnenboden emporsteigt und sieben eben noch spielerisch selbstverliebte Tänzer zu Tränen hinreißt.

Wie Johannes Wieland immer wieder seine Erzähl-Spots, in denen Ryan Mason, charismatisch und mit großer Ausdruckskraft, einen roten Faden legt, mit tänzerischen Tableaus verknüpft, ist von großer Meisterschaft: In atemberaubenden Duos und Gruppentänzen spiegelt sich dann der ganz normale Wahnsinn unseres Lebens wider: Wencke Kriemer de Matos und Jaroslav Ondrus umwerben, umkreisen sich vorsichtig mit OP-Pinzetten, Maasa Sakano, ein Wirbelwind mit rot verschmiertem Mund, trägt Viktor Usov auf den Schultern. Das Kind Jakob Hottenrot, eben noch Teil einer Heile-Welt-Idylle mit Vater und Mutter, steht zuletzt einsam zwischen den wie verzweifelt umhertreibenden Männern und Frauen. Zum Schluss vereint der Choreograf das ganze Ensemble fast eine Viertelstunde lang, stellt ihre unterschiedlichen Tänzerpersönlichkeiten aus, gibt ihnen Raum - ein Furiosum an Körperkunst und tänzerischer Ästhetik.

Mit „Alles auf Anfang“ endet dieser hinreißende Tanzabend: Per Video werden 90 Minuten im Schnelldurchgang zurückgespult. Die Show unseres Lebens beginnt ja immer wieder von vorn. Zum filmischen Abspann verbeugen sich 14 Tänzer, der Bodybuilder, die große Frau und der kleine Junge vor einem stürmisch applaudierenden Publikum im nicht ganz ausverkauften Opernhaus.

Wieder am 25. und 27.4. sowie 5.5., Karten 0561/1094-222.

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.