Welt aus den Fugen: Kleists "Zerbrochner Krug" bei den Bad Hersfelder Festpielen

+
Finale im Gerichtssaal: Viola von der Burg als Frau Brigitte (vorn) macht ihre Aussage.

Bad Hersfeld. Das ist nicht nur ein Gefäß. Hier liegt die Welt in Scherben. Heinrich von Kleist lässt in seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ die Frau Marthe das Gericht nicht nur anrufen, weil ihr Tontopf zu Bruch gegangen ist.

Er lässt sie ausführlich erzählen, was auf der bemalten Keramik alles abgebildet war, ein Geschichtspanorama nämlich. So spiegelt sich in der Lappalie der kaputtgegangenen Töpferware die große Welt. Kleist spielt mit solchen Spiegelungen des Großen im Kleinen – und Regisseur Holk Freytag verstärkt sie in seiner Inszenierung des Lustspiels „Der zerbrochne Krug“, die am Samstagabend bei den Bad Hersfelder Festspielen begeistert beklatscht wurde.

In der ausverkauften Stiftsruine bringt er in einem pantomimischen Vorspiel zunächst das Volk zu Fall. Während Frauen und Männer, Handwerker und Bauern, über die gesamte Bühnenbreite auf- und abgehen, rutschen sie stets aus, sobald sie sich auf dem gesellschaftlichen Parkett begegnen. In der Gerichtsstube geht es später um den Menschen an sich, kein Wunder, dass der Dorfrichter Adam heißt. Freytag lässt ihm von Gegenspielerin Eve vorab einen Apfel zukommen.

Immer verzweifelter: Stephan Schad als Dorfrichter Adam.

Stephan Schad tritt als Dorfrichter in Erscheinung wie eine Comicfigur. Im weißen Nachtgewand mit Rüschen an den Beinbündchen stolziert er storchengleich mit fuchtelnden Armen herein, stakst unter großen Verrenkungen über Stühle (Bühne: Norbert Bellen, Kostüme: Michaela Barth). Das Leben: ein Balanceakt. Die Slapstick-Elemente des Vorspiels bereiten nonverbal auf das sprachliche Pointenfeuer vor, das Kleist in seinem fulminanten Stück über Machtmissbrauch, Vertuschung und gesellschaftliche Zwänge auffährt. Der Dorfrichter muss darin über eine Tat Recht sprechen, die er selbst begangen hat, und erfindet immer neue Lügen.

Auch die anderen Prozessbeteiligten stehen unter privatem und sozialem Druck: Eve (mit großer Zartheit: Andrea Cleven), in deren Stube sich unberechtigt ein Mann aufgehalten hat, Eves Verlobter Ruprecht (Sébastien Jacobi), dem Moralzweifel kommen, und Mutter Marthe (Marie Therese Futterknecht), die das Recht als solches einfordert.

Und dann kommt auch noch Gerichtsrat Walter (würdevoll: Nina Petri), um die Rechtsprechung zu begutachten. Da wittert auch Schreiber Licht – Nikolaus Kinsky als Beamtenkarikatur – seine Karrierechance.

Mit großer Klarheit: Nina Petri als Gerichtsrat Walter.

Fein moduliert Freytag Stimmungsumschwünge zwischen Zweifel und auftrumpfender Selbstgewissheit, Wut und Prügellaune. Seine tollen Darsteller zeichnen facettenreiche Figurenporträts. Schad ist als Dorfrichter ein Kraftmeier auf schwankendem Boden, wunderbar, wie sein Adam spürbar mehr und mehr Energie aufbringen muss, um mit hochfahrendem Getue das Lügengebilde aufrechtzuhalten.

Marthe zieht in der Gerichtsstube erst mal die Gummistiefel am Kanonenofen aus und macht es sich mit der Brotdose bequem. Marie Therese Futterknecht gestaltet die aufgebrachten Tiraden der Witwe ebenso witzig wie menschlich. Toll auch Viola von der Burg als rätselhafte Frau Brigitte, die mit ihrem bleichen Gesicht und der Sonnenbrille wie eine Mischung aus John Lennon und dem Schlossgespenst Hui Buh wirkt. Ihre Zeugenaussage ist so abgedreht, dass die ganze Gesellschaft ihr am allerliebsten glauben möchte. 

Festspiele bis 2. August, Kartentelefon: 06621 / 640200.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.