Welt der großen Gefühle: Annett Louisan im Kasseler Opernhaus

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Witzig und immer auch ein bisschen melancholisch: Die Hamburger Sängerin Annett Louisan im Kasseler Opernhaus.

Kassel. Zum Schluss, als sich das Publikum im fast ausverkauften Kasseler Opernhaus schon seit einer Viertelstunde in einem Rausch aus Standing Ovations, Mitklatschen und Mitsummen befindet, singt Annett Louisan „Spiel Zigeuner“ von Charles Aznavour und verabschiedet sich endgültig von ihrem seit Jahren strapazierten Lolita-Image.

Die 37-Jährige, irgendwo zwischen Jazz-Sängerin und Chansonette, steigert sich mit melodramatischer Ausstrahlung im Gesang. Ganz innen bei sich ist sie dann, mit geschlossenen Augen, die Stimme rund und voll. Vielleicht kann man das erwachsen nennen.

Seit nunmehr zehn Jahren ist die Hamburger Sängerin im Pop-Geschäft. Seitdem hat sich Louisan immer wieder medienwirksam gewandelt, gehäutet, und ist doch weitgehend dieselbe geblieben. 60er-Jahre-Retro-Pop-Chic war es vor allem, der sie populär machte, freche Texte, flotte Arrangements, und vor allem: der Blick in die Beziehungskisten.

Die zierliche Sängerin ist gerade mal 1,52 Meter groß, gibt ihren Beobachtungen aus dem unendlich schweren Alltag der Pärchen und Singles viel Witz mit und ein wenig Melancholie, vorgetragen mit dieser leicht schwebenden Stimme: leise, filigrane Passagen.

Jetzt stellt Louisan auf ihrer Tournee ihr neues Album „Zu viel Information“ vor. Mit ihren drei herausragenden Musikbegleitern Martin Iannaccone (Cello, Percussion), Hardy Kayser (Gitarre) und Friedrich Paravicini (Cello, Bass, Klavier) wagt sie etwas mehr Tiefgang. Mit dunkel gefärbten Geschichten taucht sie ein in die Welt der Gefühle – und zwar ohne Prosecco und das „Ich will doch nur spielen“-Image.

Dann steht sie auf der Bühne, im schwarzen Cocktailkleidchen und in High Heels, singt sich mit viel Mut und zuweilen einer Spur zu viel Pathos in die Klage einer Dauergeliebten hinein. Aus „Papillon“, dem klassischen Piano-Chanson der Hildegard Knef, macht sie ein trauriges Lied über Abschied und Einsamkeit, haucht unendlich melancholisch ihr schön gesungenes „Du fehlst mir so“.

Wenn sie dann auch noch am Bühnenrand Platz nimmt und von Paul und Agathe erzählt, die sich seit 55 Jahren lieben („Was ist die Zutat, was ist das Rezept? Ich will das auch“), wird das zu einem weiteren Kleinod.

Na klar, Songs von früher zum Mitsingen und Mitschunkeln gibt es auch. Und vergessen wollen wir solche Peinlichkeiten wie den Facebook-Song „Ich hab dein Ding gepostet“ im Country-Pop-Stil. „Hallo Kassel“. Es war ein sehr netter Abend mit Annett Louisan.

Annett Louisans aktuelles Album „Zu viel Information“ ist beim Label 105music erschienen.

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