Die spannende Ausstellung „Schwindel der Wirklichkeit“ in der Berliner Akademie der Künste

Die Welt ist real, irreal und digital

Zwillingspaare lesen seelenruhig Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“: Die Installation des österreichischen Medienkünstlers Richard Kriesche „Zwillinge“ wurde erstmals bei der documenta 6 im Jahr 1977 in Kassel eingerichtet (Foto). In Berlin wird sie nun erneut präsentiert. Fotos: Akademie der Künste

Berlin. Wird das Bild des Menschen durch die Neuen Medien geschrumpft oder erweitern sie unsere Wahrnehmung? In Bruce Naumans „Live-Taped Video Korridor“ verkleinert sich das Abbild des Besuchers, je näher er dem Bildschirm kommt. Der Betrachter wird zum Teil des Werks, gleicht einem Performer, der die Kunst mit gestaltet, und nicht nur die. Das klassische Objekt scheint auf dem Rückzug, die Ausstellung(s)-Welt im Umbruch. Auch ein Krümel kann etwas bewirken – erst recht mit dem Smartphone in der Hand.

Im Zeitalter digitaler Information und analoger Nutzer ist die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, Virtualität und Körper eines der Schlüsselmotive der Kunst. Dem spürt die spannende Schau „Schwindel der Wirklichkeit“ in der Berliner Akademie der Künste nach. Welche Möglichkeiten der Intervention oder Partizipation nutzen Künstler, was bewirken sie? 39 Künstler (und -Kollektive) von Marina Abramovic bis Thomas Wrede loten die Grenze zwischen Wirklichkeit und Simulation aus.

Jüngere Künstler beziehen die verschiedensten Anwendungen ein – von Browser-Skript und App über Hard- und Software-Modifikation bis hin zu Computerspiel, virtueller Realität und Netzwerk-Interventionen. Andere halten es mit dem Realen und treten körperlich in Aktion. Performances haben Konjunktur.

Welche Wirklichkeit wird (wieder-)hergestellt? Diese Frage stellt sich, wenn Ungewohntes auf uns einprallt. Etwa in den choreografischen „Installationen“ von Tino Sehgal. Bei ihm wird jeder zur Sozialen Plastik, die Ausstellung zur Bühne, auf der neue Erfahrungen zu machen sind - wie auch bei der documenta 13 in Kassel. Als unsichtbarer Spielleiter zieht er Fäden, an denen die „Zuschauer“ wie Puppen tanzen. Eine „Arbeit“ entsteht durch Interaktion und nicht durch ein Objekt an der Wand.

Ein Austausch, dessen spielerischen Charakter auch der Däne Christian Falsnaes praktiziert. In seiner 5-Kanal-Audio-Installation „Justified Beliefs“ übermittelt er via Kopfhörer Anleitungen, im Ausstellungsraum zu agieren.

Diese Form von Mitmachtheater fordert willige Mitspieler. In einer Welt, in der sich der Körper im virtuellen Raum verflüchtigt, gewinnt er real scheinbar doch an Bedeutung. Mitunter genügt schon der Blick in den Spiegel, um die Körper-Wahrnehmung zu irritieren. Bei Jeppe Hein oder Olafur Eliasson etwa. Die Kuratoren Mark Butler, Anke Hervol und Wulf Herzogenrath warten auch mit Game Art, Fotografie und Film-Installationen auf.

Der jüngst verstorbene Filmemacher Harun Farocki erkundet in seinen Videofilmen einen ganz speziellen Wirklichkeitsschwindel. Seine Videos kommunizieren mit investigativen Aufnahmen von Trevor Paglen, die aus großer Entfernung militärisches Sperrgebiet quasi als abstrakte Landschaft visualisieren.

Beide bezeugen Formen von Überwachung, Kriegführung und Waffentechnik. Ihre „Visibility Machines“ bergen Sprengkraft. Die Liaison zwischen Mensch und Maschine ist auch eine, die von der Macht der Verschleierung und Täuschung kündet. Wir sehen und hören zwar mehr, wissen aber immer weniger.

Bis 14. Dezember, Hanseatenweg 10, www.schwindelderwirklichkeit.de

Von Andrea Hilgenstock

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