Welt in rosa: Ein Besuch im Barbie-Dreamhouse in Berlin

Es ist angerichtet: Die pinkfarbene Küche im „Barbie Dreamhouse“.

Berlin. Wer sich traut, Mitte-20-jährige Studenten auf Barbie anzusprechen, muss mit zwei Reaktionen rechnen: stumme Verachtung mit hochgezogener Augenbraue oder ein entzückter Aufschrei. „Was, du gehst ins Barbie-Haus? Da will ich auch hin.“

Dafür, dass es sich nur um eine Plastikfrau mit großen Brüsten handelt, entzündet sich an der Modepuppe der Firma Mattel sehr viel Leidenschaft. Kaum ein Spielzeug wird so geliebt und gehasst wie Barbie, Erfüllerin von Funkelfantasien und Alptraumweibchen von vorvorgestern.

Am Berliner Alexanderplatz ist nun das rosa „Barbie Dreamhouse“ aus dem Boden gewachsen, eine überdimensionale Puppenvilla, in der jeder für 15 Euro Eintritt ein bisschen Barbie sein darf. Bei der Eröffnung Mitte Mai haben Feministinnen mit brennenden Kreuzen protestiert.

Gut zwei Wochen später fällt eine Gruppe Grundschulmädchen vor Begeisterung fast über die eigenen Füße. „Barbie-Haus! Barbie-Haus!“, kreischen sie auf Fledermausfrequenz, während sie auf den Eingang des Gebäudes zurennen, das genau genommen nur ein Zelt ist. Daneben zieht eine junge Frau in Stöckelschuhen ihren Freund hinter sich her. „Nein, bitte nicht!“, fleht dieser. „Doch, Schatz, du machst mich total glücklich!“ Dann verschwinden beide im ewigen Pink.

Obwohl die Zielgruppe der Barbie-Welt kleine Mädchen sind, ist das Publikum überraschend gemischt. Eine Gruppe Norwegerinnen um die 40 lässt sich kichernd im begehbaren Kleiderschrank fotografieren, und ein paar der Eltern drücken eifriger auf den Bildschirmen herum als ihre Kinder. Nur die Geschlechtertrennung der Spielzeugbranche funktioniert reibungslos: Auf dem ganzen Areal ist kein einziger Junge zu entdecken, der noch zu jung für eine Barbie-affine Freundin ist.

Auf 2500 Quadratmetern Traumhausfläche kann man tun, was eine Barbie tun muss: Schuhe oder Ken beim Autowaschen anstarren, auf dem Laufsteg glitzernde Kleider spazieren führen oder auf der „Popstar“-Bühne Sängerin spielen.

Traumpaar: Ken und Barbie.

Wer den Aufpreis dafür nicht zahlen will, kann virtuelle Törtchen backen: eine perfekte Illustration des optischen Zuckerschocks der Barbie-Welt. Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der makellosen Puppe sind einkalkuliert: Alle Spiegel im Haus machen unnatürlich schlank. Nach 90 Minuten Rosarausch bleibt ein klebriges Gefühl und die Sehnsucht nach dem grauen Berlin.

Wahrscheinlich macht ein Nachmittag im Traumhaus aus einem Mädchen kein oberflächliches Glitzerweibchen. Aus vielen ehemaligen Barbie-Spielerinnen sind kluge selbstbewusste Frauen geworden. Doch man wünscht sich, dass auch die begeisterten kleinen Besucherinnen verstehen, wie wenig dieser Werbepalast mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat.

Selbstverständlich ist das offenbar nicht. „Du bist doch auch meine Barbie“, sagt eine Mutter mit sehr roten Lippen zu ihrer Tochter. Das Mädchen in pinkfarbenen Lackschuhen nickt begeistert.

„Barbie Dreamhouse Experience“: Bis zum 25. August am Berliner Alexanderplatz. www.barbiedreamhouse.com

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