Gesellschafts-Analyse: Die Welt schreit nach Romantik

Wird als Dornröschenschloss vermarktet: Die Sababurg im Landkreis Kassel.

"Gefühlige Zeiten": Die großartige Gesellschafts-Analyse des Kasseler Autors Christian Saehrendt

Was haben pompöse Hochzeitsfeiern ganz in Weiß, der Vampir- und Piratenkult aktueller Filme und Bücher, die Liebe zu Baumärkten und die Anziehungskraft der Terrormiliz Islamischer Staat für westliche Jugendliche miteinander zu tun? Der aus Kassel stammende Kunsthistoriker Christian Saehrendt ordnet in seinem witzig geschriebenen und spannend analysierenden Buch „Gefühlige Zeiten – Die zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten“ derartige Trends unserer Zeit in einen übergeordneten Kontext ein.

Er erkennt darin eine neue Romantik, die mit der so benannten Epoche vor 200 Jahren enorm viel gemein hat. Vor allem ihre Entstehung aus einem Gefühl der Entfremdung. Wo viele Menschen heute in virtuellen Welten und im Betrachten des Displays ihres Smartphones versinken, wo die Hast nach dem perfekten Selfie das Erleben eines wahrhaftigen Augenblicks verdrängt, wächst zugleich die Sehnsucht nach diesem Wahrhaftigen. Und in der Jagd darauf wird dies gern künstlich erzeugt – eine Wahrhaftigkeits-Attrappe, zeigt Saehrendt. Eine Themenauswahl:

Tourismus/Märchen: Auf Reisen suchen wir das Ursprüngliche. Daraus entsteht eine Kitschindustrie, „Ghettos der Gefühligkeit“, etwa wenn die Chinesen den Schweizer Ort Interlaken als Freizeitpark nachbauen. Oder wenn die Märchenstraße, die auch durch unsere Region verläuft, Orten eine Geschichte zuordnet – obwohl sich Märchen gerade nicht klar einem Ort zuordnen lassen. Imagebildung zur Verkaufsförderung.

Kultur: Die Kunstwelt liebt Performances, weil das Prozesshafte derzeit als echtes, einzigartiges Erlebnis gefeiert wird. Hierzu gehört auch der Theatertrend, Laien auf der Bühne auftreten zu lassen sowie Künstler, die ihr Image als kauzige Typen zelebrieren –etwa Michel Houellebecq, der die Ablehnung von Selbstdesign zum Selbstdesign macht.

Berühmter Nerd: Sheldon Cooper (Jim Parsons) ist Held der TV-Serie „Big Bang Theory“.

Nerds: Die Bewunderung von Nerds, von Computerkennern, die klischeemäßig schrullig sind, korrespondiert mit der Verehrung für Mönche in früheren Epochen – beide stehen für das Beherrschen eines Geheimwissens.

Burn-out: Der Authentizitätswunsch unserer Tage steht im Widerspruch zum Drang unserer Gesellschaft nach Selbstoptimierung. Wurden in früheren Zeiten Menschen als feinfühliger bewundert, die etwa an Schwindsucht litten, so sind heute In-Diagnosen Burn-out (für die Verweigerung des Leistungsdrucks) und Asperger-Autismus, weil man damit eine irgendwie tiefgründigere Existenz verbindet.

Vampire: Die literarischen Blutsauger erleben ein Revival als dunkler Kitsch, mit Kleidung im Gothic-Look drücken junge Leute die Sehnsucht nach Gefühlen aus, auch der Todeskult der Romantiker lebt im Mythos um tote Popstars des Club 27 weiter.

Piraten: Die gewalttätigen Freibeuter von einst sind mit ihrem als toll empfundenen Aufrührergeist die Spielzeughelden von heute – „gibt es bald Boko-Haram-Kostüme?“

Aufmöbeln: Selbermachen ist in.

Selbermachen: Baumarkt, Repaircafé, Basteln - auf der Suche nach dem Echten steht Selbermachen hoch im Kurs. Möbel im Gebrauchtlook des Shabby-Chic simulieren eine Geschichte, die man gar nicht erlebt hat. Damit verbunden ist der Rückzug ins Eigenheim plus Pflege des Dialekts als Ausweis von Authentizität.

Freiheitskämpfer: Das Erstarken von Separatistenbewegungen wie in Schottland und die Verehrung von Freiheitskämpfern früherer Generationen (Che Guevara) passen zur Suche nach dem Tiefempfundenen, Echten. Ebenso wie die Verherrlichung von untergegangenen Regimes wie US-Südstaaten oder DDR („da gab es noch Zusammenhalt“) oder Underdog-Fußballclubs. Für riesengroße Ideale zu kämpfen, ist angesagt, es macht die Welt übersichtlicher, wenn sich in einer Ideologie Gut und Böse so klar darstellen. Davon lebt die Terrormiliz IS.

Und dann: Saehrendt propagiert den Gegentrend: „Die neue Wurschtigkeit“.

Christian Saehrendt: Gefühlige Zeiten, Dumont, 280 Seiten, 19,90 Euro, Wertung: fünf von fünf Sternen

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