Welt voller Gefangener: Verdis Erfolgsoper „Rigoletto“ in Kassel

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Nonchalant: Philipp Heo als Herzog von Mantua.

Kassel. Flötenklänge heben Gilda bereits in den Himmel, noch ehe sie in ihrer Arie „Caro nome“ (Teurer Name) selbst abhebt. In den Sopranhöhen verliert sie den Bodenkontakt - wie zu den Kontrabässen im Orchester.

Immer exaltierter werden die Koloraturen, wenn sie die Wonnen der Liebe besingt, die ihr der Herzog von Mantua bei ihrer heimlichen Begegnung ausgemalt hat.

Bei der Kasseler „Rigoletto“-Inszenierung, die am Samstag im ausverkauften Opernhaus Premiere hatte, ist es Lin Lin Fan, die mit glockenreiner Stimme und atemberaubender Virtuosität die Strato-Höhe markiert, von der aus es nun für die junge Frau bergab geht - bis zum Opfertod für den Geliebten. Oder tritt Gilda hier schon ins Reich der Freiheit ein?

Jedenfalls ist die Arie ein Höhepunkt in Verdis Oper und in der Kasseler Inszenierung, die Sonja Trebes in der Düsternis einer intriganten, angstbesetzten Männerwelt ansiedelt. Die Bühne (Etienne Pluss) ist eine Arena, in der sich das Leben als grausames Spiel vollzieht, mit großen Lupen beäugt von denen, die zufällig gerade Zuschauer und nicht Opfer sind.

Dass der frauenvernaschende Herzog seine Eroberungen jeweils in einen käfigartigen Lift zerrt, um dann mit ihnen zu entschweben und beim Zuknöpfen der Hose wieder heruntergelassen zu werden, ist ein etwas holzschnittartiges, aber immerhin eindeutiges Bild. Philipp Heo stattet den Lebemann mit heiterer Nonchalance und jederzeit höhensicherer, kraftvoller Tenorstatur aus - nicht nur beim berühmten „La donna è mobile“.

Komplexer ist da die Titelfigur des buckligen Hofnarren Rigoletto, dessen charakterliche Zerrissenheit Stefan Adam eindrucksvoll verkörpert. Die zärtlichen Töne des liebenden Vaters, der seine Tochter gleichwohl in einem Verlies gefangen hält, ebenso wie die wilden Racheschwüre des Gedemütigten, aber auch das leichthin gesungene „La la lala“, das sich der im Mark getroffene Narr vor seinen Feinden abringt - all diese Facetten vereint Adam in seinem mächtigen, allerdings nicht ganz bruchlosen Bariton.

In die Reihe der feinen Verdi-Sänger stellen sich auch He Saup Yoon als gedungener Mörder Sparafucile, eine schwarze Figur (Kostüme: Sabine Böing) mit noch schwärzerem Bass, und Belinda Williams als seine kokette Schwester Maddalena. Zur erfreulichen Ensembleleistung tragen nicht zuletzt die Herren des Opernchores bei, am Ende sogar als unheimliche Naturgewalt in der Gewitterszene des Schlussaktes (Einstudierung: Marco Zeiser Celesti).

Dass der Chor, anders als die individuell stark gezeichneten Hauptfiguren, stets als anonyme Masse inszeniert wird, mag man bedauern, ebenso wie ein im zweiten Akt eingebautes Puppen-Kasperletheater, das die Stringenz dieser mit zwei Stunden Dauer äußerst konzentrierten Oper etwas mindert.

Grandios gelingt aber das finale Bild, wenn Rigoletto die bereits tote Gilda als Double im Arm hält und Lin Lin Fan auf der Galerie singend den Schlussdialog als Vision des irre gewordenen Narren entlarvt.

Am Ende wurden neben den Solisten besonders der Dirigent Yoel Gamzou und das Orchester gefeiert. Sehr zu Recht, denn wann hört man Verdis „Rigoletto“ sonst so unmittelbar und packend, so alles Mechanischem entkleidet, in den Orchesterfarben fein ausgemalt und - bei den Aktschlüssen - mit derart bezwingender Urgewalt?

Ensemble

Herzog von Mantua: Philipp Heo

Rigoletto, Hofnarr: Stefan Adam

Gilda, seine Tochter: Lin Lin Fan

Giovanna: Anna Sorokina

Graf v. Monterrone: Marc-Olivier

Oetterli

Graf Ceprano: Abraham Singer

Gräfin Ceprano: Ani Yorentz

Marulo: Hansung Yoo

Borsa: Bassem Alkhouri

Sparafucile, Mörder: Hee Saup Yoon

Maddalena: Belinda Williams

Page: Jeanette Neumeister

Gerichtsdiener: Michal Kuzma

Herren des Opernchores

Staatsorchester Kassel

Weitere Vorstellungen in dieser Spielzeit am 8. und 12.7. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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