Kathrin Schmidt las in Kassel aus ihrem preisgekrönten Roman „Du stirbst nicht“

Die Welt wieder erobern

Kathrin Schmidt Foto: picture-alliance

KASSEL. Es ist die Geschichte einer Heilung. Kathrin Schmidt erzählt in ihrem Roman „Du stirbst nicht“ von dem langsamen Prozess, in dem ihre Protagonistin Helene nach einem Totalausfall ihrer geistigen und körperlichen Funktionen durch eine Hirnblutung sich hartnäckig und neugierig wie ein Kind die Welt zurückerobert.

Kathrin Schmidt hat dies selbst erlebt. Sie hat die Welt und die eigene Identität verloren und in einem mühsamen Kampf zurückgewonnen. In ihrem Buch hat es die Schriftstellerin in eindrucksvoller Weise verstanden, zwischen dem fundamentalen Erlebnis der völligen Neuorientierung und ihrer Position als Erzählerin die nötige Distanz aufzubauen, durch die ein privates Schicksal zu Literatur wird.

Im vollbesetzten Bali-Kino im Kasseler Kulturbahnhof las die Autorin, die für diesen Roman den Deutschen Buchpreis 2009 erhielt, jetzt auf Einladung des Fördervereins des Archivs der deutschen Frauenbewegung aus den ersten Kapiteln, in denen die enge Beziehung des Heilungsprozesses zur Sprache besonders deutlich wird. Helene Wesendahl, die versucht, „die Sprache, das schlafende Tier“ wieder aufzuwecken, die sich selbst ganz fremd geworden ist, folgt den verwischten Spuren ihres Gedächtnisses, während sie die Reha-Maßnahmen über sich ergehen lässt, und manchmal führt die voraussetzungslose Wahrnehmung auch zu Irrtümern von einer gewissen Komik.

Die Konfrontation der fünffachen Mutter mit ihrer Familie, der Rückblick auf ihr vergangenes Leben, den sie nach und nach gewinnt, die Überwindung des Sprachverlusts faszinieren in dieser offenen Form der Darstellung. Es ist eine Selbstbefreiung durch Sprache, die lebensrettend wird - für die Frau wie für die Schriftstellerin, deren Existenz auf ihrer Sprachfähigkeit beruht. Wie Kathrin Schmidt, die demnächst ein Jahr lang in Rom an einem neuen Roman arbeiten will, in der Diskussion betonte, wollte sie keine „Betroffenheitsliteratur“ schreiben, und das ist dieses in knapper und teils experimenteller Sprache verfasste Buch gewiss nicht.

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht. Kiepenheuer & Witsch, 347 Seiten, 19,95 Euro

Von Claudia v. Dehn

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