Michel Houellebecq hat mit „Karte und Gebiet“ einen grandiosen Roman vorgelegt

Die Welt in Wort und Bild

Der Autor und sein Personal: Michel Houellebecq (oben) lässt im Roman „Karte und Gebiet“ die Künstler Damien Hirst und Jeff Koons (Mitte links, rechts) sowie Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Chef Steve Jobs (unten links, rechts) porträtieren. Der Autor Frédéric Beigbeder (Mitte) taucht als Romanfigur auf. Fotos: dpa

Die Welt ist nicht besser geworden in Michel Houellebecqs (53) neuem Roman „Karte und Gebiet“. Doch der Autor von „Elementarteilchen“, der vor zehn Jahren mit der These provozierte, die libertäre westliche Gesellschaft habe die Menschen nicht befreit, sondern beziehungslos gemacht, taucht dieselbe Welt nun in ein milderes Licht.

Von einem Meisterwerk spricht die französische Presse, der Roman wurde mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Zu Recht, denn Houellebecq verknüpft darin mit spielerischer Leichtigkeit ein Porträt unserer Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts mit einem Diskurs über Kunst. Und er setzt darauf noch eine ironische Selbstbespiegelung, indem der Schriftsteller selbst im Roman als Nebenfigur auftaucht - und ein schreckliches Schicksal erleidet.

Hauptfigur ist der Künstler Jed Martin. Alles, was Houellebecq mit seiner nüchternen, präzisen, fast beiläufigen Sprache an gesellschaftlicher Szenerie zeichnet, das nimmt sich Jed Martin thematisch noch einmal in seinen Bildern vor. „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik“ ist der Titel eines seiner Aufsehen erregenden Gemälde.

„Sowohl in seinen Titeln als auch in seiner Malerei selbst ist Martin immer einfach und direkt: Er beschreibt die Welt und erlaubt sich nur selten eine poetische Anmerkung.“ Dieser Kommentar aus dem Ausstellungskatalog stammt wiederum von dem Schriftsteller Houellebecq, den Martin um ein Vorwort gebeten hatte. Und es ist kein Zufall, dass der Maler als Abbilder der Welt ausgerechnet an einem Bild über die Künstlerszene scheitert - an dem Doppelporträt „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf“. Sein letztes Bild dagegen, ein Porträt Houellebecqs, bringt ihm zwölf Millionen Euro ein.

Unmöglich, alle thematischen Verästelungen dieses so reichen Romans auch nur anzudeuten: Skurril die ersten künstlerischen Erfolge Martins mit Fotografien von Michelin-Straßenkarten, anrührend die heftige Liebesaffäre mit der schönen Russin Olga, amüsant die Einbeziehung real existierender Personen wie des Schriftstellers und Houellebecq-Freundes Frédéric Beigbeder. Und so absurd-komisch die Kunst- und die Medienszene beleuchtet werden, so melancholisch ist das Porträt von Jed Martins alterndem Vater.

Dass Houellebecq auch noch einen grässlichen Kriminalfall einbaut, scheint fast zu viel des Guten zu sein. Doch auch diesen neuen Faden verknüpft der Autor geschickt mit der Geschichte Jed Martins, der sich am Ende in der französischen Provinz förmlich einmauert, sich von den Menschen ab- und den Pflanzen zuwendet.

Ein faszinierendes, ein grandioses Buch.

Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Verlag Dumont, 416 Seiten, 22,99 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen

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