Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller las in Göttingen

Die Welt ist Zement

Zierlich, zurückhaltend, vorsichtig: Herta Müller. Foto:  picture-alliance

Göttingen. „Ausverkauft, keine Restkarten“ - dieses Schild begrüßte die über 800 Menschen, die Donnerstagabend in die Göttinger Lokhalle strömten, weil sie sich rechtzeitig Karten gesichert hatten für die Lesung der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

Der 56-Jährigen jedoch ist trotz vieler Auszeichnungen und sensationeller Verkaufserfolge jede auftrumpfende Geste, sogar alles locker oder erleichtert Strahlende, fremd. Ganz in Schwarz, mit einem tiefen Seufzer, trat sie, eingeladen vom Literarischen Zentrum, auf die Bühne: Zierlich, zurückhaltend, ernst, beinahe schüchtern - befragt von Insa Wilke auch nicht nach den Nobelpreis-Folgen oder nach Verfolgung und Verstrickung rumäniendeutscher Schriftsteller durch den Terror des Geheimdienstes Securitate. Es ging allein um den aktuellen Roman „Atemschaukel“. Da gab sie beeindruckend präzise, druckreif, geduldig Auskunft. Der Dank war lang anhaltender Beifall.

Reise ins Lager

Einmal lächelte Herta Müller. Als sie erzählte, dass sich Oskar Pastior für ihre gemeinsame Reise in die früheren stalinistischen Lager in der Ukraine Arbeitshosen „mit diesen entstellenden Außentaschen“ gekauft habe mit der Begründung: „Ja, wir fahren doch ins Arbeitslager.“ Pastior, ihr 2006 gestorbener Schriftstellerkollege, mit dem zusammen sie „Atemschaukel“ hatte schreiben wollen, sei auf dieser Reise wie „berauscht“ gewesen, „ein abstürzendes, zweischneidiges Glück“, weil er Schrott vorfand, Ruinen, Verfall, weil seine fünf Jahre Schufterei im Lager umsonst gewesen waren.

Müller machte deutlich, welchen Anteil der Lyriker mit seinen detaillierten, bildmächtigen Erinnerungen am Entstehen des Romans hatte. Pastior habe als Einzelner Halt gefunden im Lager, sich gegen die totale Überwachung und das Elend positioniert, indem er seine Umgebung, all die Materialien und Werkzeuge, „personifiziert“ habe. Das habe ihm inneren Freiraum geschaffen, so habe er sich „seine Würde stehlen“ können.

Eindrucksvoll verdichtet, in eigenwilligen Sprachbildern, kam das etwa in der Passage über Zement zum Ausdruck: „Wir leben so, wie der Zement es will.“ Zement ist überall, der Himmel, die Welt ist aus Zement, man selbst wird Zement.

Eigentlich hatte Müller über ihre Mutter schreiben wollen, die ebenfalls aus dem Banat nach Osten deportiert worden war. Sie konnte nichts erzählen - aber nicht aus Verweigerung: Genaue Wahrnehmung sei gefährlich, sagte Müller. „Vielleicht löscht der Verstand wohlwollend, damit man es aushält.“ Und: „Bauern reden nicht über sich selbst“, ihnen fehle das Vokabular für innere Vorgänge. „Das hat auch sein Gutes“, ergänzte sie. „Wir alle reden viel zu viel über uns“, wir seien ständig auf der Suche nach uns selbst, „wir meinen etwas zu entdecken und verlieren uns nur.“ Herta Müller zieht es vor, ihre Worte vorsichtig zu wägen.

Von Mark-Christian von Busse

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