Die Welt ist ein Zoo: Cindy aus Marzahn in Kassel

„Ick kann ooch anders!!!“: Cindy aus Marzahn machte mit ihrem gleichnamigen Programm auch in der Kasseler Stadthalle Station. Foto: Fischer

Zwei Stunden Berliner Schnauze gab es Sonntagabend für die Besucher der Stadthalle in Kassel. Cindy aus Marzahn trat auf. Ihr Programm: Ick kann ooch anders!!!

Kassel. Für Cindy aus Marzahn ist die Welt ganz einfach gestrickt. Veganer sind Loser, Griechenland bekommt zu viel Geld, und wer ein Elektro-Auto fährt, ist ein unromantisches Weichei. Wer da anderer Meinung ist, der wird mit Hamburgern bombardiert, dem werden die Arme gebrochen, oder er wird verbal in die Tonne getreten.

So wird gedacht und gehandelt im Stadtteil Marzahn, der Plattenbau-Großraumsiedlung im Osten Berlins. Ein Stadtteil mit wenig Migranten, aber vielen Neonazis. Cindy verkörpert die Gesetzmäßigkeit des Handelns gegenüber der des Reflektierens.

Hinter der korpulenten Ghetto-Schlampe im pinkfarbenem Trainingsanzug verbirgt sich die aus Luckenwalde stammende Stand-up-Comedian Ilka Bessin, die sich als Tochter eines Lkw-Fahrers und einer Näherin in der ehemaligen DDR ihren rauen Charme als Köchin und Kellnerin angeeignet hat. In der ausverkauften Kasseler Stadthalle lautete ihr Motto „Ick kann ooch anders!!!“, was man doppeldeutig verstehen könnte als „Schluss mit Kuscheln“ oder „Ich lass mich nicht mehr aus der Ruhe bringen.“

Bei Cindy geht es direkt zur Sache. Fiktive Individuen wie Klöten-Klaus, der sein Geschlechtsteil postet, die Bio-Kellnerin mit den fettigen Haaren oder die 70-jährige graumelierte Psychologin ohne BH, deren Brüste wie zwei Spiegeleier von den Schultern baumeln, werden erbarmungslos durch die etikettierte Hölle gehetzt und als verbales Gammelfleisch dem Publikum zum Fraß vorgeworfen. Und jedem ist klar, dass diese Personen in Wirklichkeit neben uns im Bus sitzen.

Die Welt ist ein Zoo und Cindy plädiert dafür, dass alle, egal wie verrückt, miteinander auskommen. Bis auf eine Gruppe, für die sie kein Verständnis zeigt: Neonazis. Da wird sie kurz mal ernst und zeigt Kante für die tolerante Behandlung von Flüchtlingen. Das Publikum bestätigte sie dabei mit viel Applaus.

Cindy-Fähnchen wurden geschwenkt wie bei einer amerikanischen Wahlveranstaltung, und mit einer Interpretation von „Ich lass für dich das Licht an“ (Revolverheld) verabschiedet sich eine Künstlerin, die auf der anderen Seite von Dieter Nuhr und Max Uthoff die Schaukel des deutschen Humors im Gleichgewicht hält.

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