Meister der kurzen Form: Eckhard Henscheid las aus seinen Sprachpolemiken beim Komik-Kolloquium im Bali-Kino

Weltherrschaft des Wiener-Wurst-Gemeckers

Eckhard Henscheid

KASSEL. Sein Gesicht unter der weißen Ponyfrisur scheint weicher. Altersweichheit vielleicht, und dieses Lächeln ins Publikum, ja, lieb und nett. Doch dann schleudert er seine Wortblitze hinterher, Aufräumen mit dem Mythos Hanns-Dieter Hüsch, erbarmungslos genau zitierend: Eckhard Henscheid, der böse Mensch aus der Oberpfalz, lässt am Sonntagmorgen bei seiner Lesung im Bali-Kino im Rahmen des Komik-Kolloquiums keine Zweifel daran, der Hüsch ist ein Laberer, Wortspiele, die keine Sau erträgt, ach ein Sprachhudeler.

Der 69-jährige Henscheid ist keinesfalls von Altersweichheit getroffen: Der Sprachvirtuose liefert seine begnadeten Polemiken punktgenau ab und stellt sich mit seinen Einlassungen zur deutschen Grammatik weit über einen Bastian Sick: Sätze zitierend, den Sinn umkehrend, ja, wie heißt es nun genau? Das hat mir ihn sympathisch gemacht oder vielleicht doch umgekehrt?

Einer wie er, der die „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ verfasst hat, beschreibt bundesdeutsches Spießertum gnadenlos wie brillant.

Und wenn er Mutter, Vater, Sohn und Schwiegertochter zum Silberhochzeits-Essen im Restaurant gehen lässt, läuft seine Beobachtungswut zur Hochform auf. Der wortmächtige Satiriker spießt sie alle auf, die leidende Mutter, die mit ihrem Wiener-Wurst-Gemecker ein Zipfelchen der Weltherrschaft an sich reißt, der raunzende Vater und der das Gaunerstückchen um die Wurst durchschauende Sohn, sie sind alle so hinreißend akustisch seziert.

Eckhard Henscheid rückt mit dem Kommentar, „der Ich-Erzähler muss nicht zwangsläufig der Autor sein“, alles wieder an seine Stelle. Eventuell aufkommende Empörung der Gutmenschen ist fehl am Platz. Dafür viel Applaus für den Meister der kurzen Form, der Parodien, Nonsensblumen und Polemik. Der Sonntagnachmittag kann dann wieder versöhnlicher werden.

Komik-Kolloquium heute: Reihe Sprachkunst 3durch3, 20 Uhr, Kunsttempel, gegenüber der Stadthalle, morgen, 20 Uhr: Maren Kroymann, Gleis 1.

Von Juliane Sattler

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