Das Junge Theater Göttingen spielt Franz Xaver Kroetz’ Sozialdrama „Nicht Fisch nicht Fleisch“

Wenn alles ins Rutschen gerät

Vier, denen es den Boden unter den Füßen wegzieht: von links Edgar (Dave Wilcox), Hermann (Jan Reinartz), Emmi (Henrike Richters) und Helga (Susa Hansen). Foto:  Eulig

Göttingen. Die Welt ist aus dem Lot geraten. Sie steht schief, und wer sich in der Schräge behaupten will, muss kämpfen. Gemütlich hatten es sich die vier Personen in Franz Xaver Kroetz’ Drama „Nicht Fisch nicht Fleisch“ eingerichtet, nun reißt der Fortschritt Konflikte auf: Wegrationalisieren sagte man 1981, als das Stück entstand. Die Realität 2010 hält sanftere Begriffe - Personaloptimierung, Out- placement - für den unvermindert harten Verlust des Arbeitsplatzes bereit.

Wie gehen Menschen damit um, überflüssig zu werden? Unter der Regie von Eberhard Köhler ging das Junge Theater Göttingen in der Premiere am Gründonnerstag dieser Frage nach.

Der Computer bringt die geordneten Verhältnisse der Drucksetzer Edgar (Dave Wilcox) und Hermann (Jan Rei-nartz) durcheinander. Blei aneinanderreihen ist nicht mehr, stattdessen sollen die dicken Finger kleine Tasten treffen und die Augen auf einen Bildschirm starren.

Ihre Frauen bilden Gegenpole: Emmi (Henrike Richters) arbeitet auf die Übernahme eines eigenen Supermarktes hin, Helga (Susa Hansen) geht im Muttersein auf. Die Zeiten des Umbruchs treiben die Akteure an Wendepunkte.

Aus dem angepassten Arbeiter Edgar wird ein verzweifelter Rebell, der politisch engagierte Hermann passt sich den neuen Verhältnissen an. Emmi steht als Alleinverdienerin gereizt „ihren Mann“, und Helga denkt vor lauter Unsicherheit an Abtreibung.

Aus Harmonie wird Aggression. Die Frauen verachten ihre Männer, die Männer verachten einander.

Viel visuelle Spannung zieht das Stück aus der Bühnenkonstruktion von Anna Stübner und Viola Werling. Die diagonal in den Raum gespannte Holzplattform veranschaulicht die Spielsituation eindrucksvoll. Wer auf der Schräge allzu aufrecht bleiben will, muss fallen - just so geschieht es Edgar.

Kritisch, aber fernab von sozialrealistischer Romantisierung geht Kroetz den Auswirkungen des technischen Fortschritts nach, nicht abstrakt, sondern an Ehebett und Küchentisch. Ein wenig nostalgisch noch sind die Geschlechterstereotypen, die sich heutige Frauen wohl weniger bieten ließen.

Mit der im Arbeitermilieu Münchens angelegten Umgangssprache der Achtziger geht das Ensemble nicht immer ganz passgerecht um. Doch beweist Regisseur Köhler mit der Auswahl des Stücks ein Gespür für Aktualität: Der Konkurrenzkampf Mensch gegen Maschine geht weiter, auch wenn er heute mit weniger arbeiterstolzer Verve geführt wird. Das nicht ganz ausverkaufte Haus spendete ausdauernd Applaus.

Wieder am 3., 6., 9., 21., 29. April. Karten: Tel. 0551/49 50 15, www.junges-theater.de

Von Jan Löffel

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