Premiere im Kasseler Opernhaus: Dominique Mentha inszeniert Händels „Julius Cäsar in Ägypten“

Händel-Inszenierung: „Julius Cäsar in Ägypten“ Wenn aus Berechnung Liebe wird

Händels Traumpaar: Kleopatra (Nina Bernsteiner, links) und Julius Cäsar (Inna Kalinina). Foto: Klinger

Kassel. Ein Gipfeltreffen der Koloratur-Superstars machte im Jahr 1724 in London die Uraufführung von Georg Friedrich Händels Oper „Julius Cäsar in Ägypten“ zum Ereignis: Der berühmte Kastrat Senesino sang die Titelrolle, die nicht minder berühmte Francesca Cuzzoni die Kleopatra, und auch die übrigen Rollen waren spektakulär besetzt.

Genau 287 Jahre später zeigt das kleine Kasseler Opernensemble bei der Premiere des Händel-Erfolgsstücks im ausverkauften Opernhaus, zu welchen sängerischen Leistungen es fähig ist - Überraschung inklusive: Die bietet der Bassist Igor Durlovski, der mit klangvollem und koloratursicherem Alt (!) den Tolomeus singt und den Bruder und Thronrivalen Kleopatras mit pfauenhaft-fieser Eleganz auf die Bühne bringt. Zum Bravourstück wird seine Wutarie, in der er auch noch einen Ausflug in Bassgefilde unternimmt.

Bewunderswerte Virtuosität und Klangfülle verströmt die Altistin Inna Kalinina als Cäsar zwischen imperialer Pracht und Herzensnöten. Kein Wunder übrigens, dass er den Verführungskünsten Kleopatras erliegt: Die kecke Charmeoffensive Nina Bernsteiners lässt ihm keine andere Wahl. Doch auch zu tiefer Empfindung ist diese Kleopatra fähig, etwa in der herrlichen Largo-Arie „Piangero“ (Beweinen werde ich).

Ebenfalls ein großes Händel-Largo, das Duett „Son nata a lagrimar“ (Nur weinen kann ich), führt die Figuren der Cornelia (Stefanie Schaefer) und ihres Sohnes Sextus (Maren Engelhardt) zu einem berührenden gesanglichen Moment zusammen. Mit Geani Brad (Achillas), Jürgen Appel (Curius) und János Ocsovai (Nirenus) sowie den kurzen Chorauftritten rundet sich das sängerisch erfreuliche Bild ab.

Dabei scheint die Musik anfangs fast in den Hintergrund zu treten angesichts einer überwältigenden Bühnenoptik, die von Anna Ardelius’ spektakulären Schwarz-Weiß-Kostümen beherrscht wird - schwarze Dalmatiner-Punkte für die Ägypter, wucherndes Geäst für die Römer. Gerade diese FantasieKostüme aber lösen die Handlung aus ihren geschichtlichen Bezügen und ermöglichen es dem Regisseur Dominique Mentha, die Szenen gleichsam als Versuchsanordnung für die komplexen Macht- und Gefühlsbeziehungen anzulegen.

Werner Hutterlis Bühne besteht aus neun schwarzen säulenartigen Quadern, die durch Verschieben ständig neue räumliche Konstellationen ermöglichen - vom intimen Gemach bis zur abweisenden Wand. Ein Einheitsbühnenbild, das nie als solches wirkt.

Mit feinem Gespür für die Beziehungen der Figuren und mit schweizerischer Präzision im Ablauf baut Mentha die Handlung als Abfolge emotionaler Zuspitzungen auf. Immer neue Bilder entstehen - und damit geeignete Räume für die in den Arien ausgelebten Affekte.

Die Emotionen werden durch sanfte Gesten unterstützt, etwa wenn der Gattin und dem Sohn des toten Pompejus, Cornelia und Sextus, mit dem Wegrücken der stützenden Säule auch der innere Halt schwindet. Zur Auflockerung streut Mentha feine Prisen von Ironie ein, ohne dass die Handlung in die Persiflage kippt.

Stets rollt der Regisseur einen roten Teppich für die Musik aus. Leider lässt Alexander Hannemann, der musikalische Leiter, viele Chancen ungenutzt, deren emotionale Qualitäten wirklich auszureizen. Er setzt im Orchester vor allem auf die motorische Kraft der Musik. Deklamatorische Feinarbeit, Schärfungen und Zuspitzungen bleiben weitgehend aus und werden allenfalls in den solistischen Partien von Violine und Violoncello ausgespielt.

Dessen ungeachtet wurde der mehr als dreistündige Abend mit viel Beifall und Jubel aufgenommen. • Die nächsten Vorstellungen: 16., 19., 27., 30.3., Karten: Tel. 0561 / 1094-222. • Ein Video zu dieser Oper finden Sie unter www.hna.de/kultur

Von Werner Fritsch

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