Liebeslieder-Walzer zum Auftakt einer neuen Konzertreihe des Opernensembles

Wenn Brahms ironisch wird

Ausnahmsweise nicht in fremden Rollen: Walewein Witten (von links), Giulia Glennon, LinLin Fan, Dong Won Kim, Marc-Olivier Oetterli und Ulrike Schneider. Foto: Schachtschneider

Kassel. Ironie gehört nicht zu den Wesenszügen, an die man bei Johannes Brahms als Erstes denkt. In seinen „Liebeslieder-Walzern“ op. 52 aber, 18 vierstimmigen Gesängen mit vierhändiger Klavierbegleitung auf Texte von Friedrich Daumer, geht es durchaus polternd ironisch zu: „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“, preschen die Singstimmen im elften Lied scheinbar wütend los, doch die Musik sagt: Halb so schlimm - die Aufregung ist künstlich.

Wenn vier gestandene Opernsänger diese Walzerlieder interpretieren, dann entstehen daraus kleine Szenen. Ein idealer Auftakt also für die neue Konzertreihe „Recital für ein bis mehrere Stimmen“, in der sich die Sängerinnen und Sänger des Musiktheater-Ensembles als Liedinterpreten vorstellen. Und auch als sich selbst - denn auf der Opernbühne schlüpfen sie ja stets in fremde Rollen.

Es waren aber nicht nur Temperament und auf den Punkt gebrachte Charakterzeichnung, mit denen die Sopranistin LinLin Fan, die Mezzosopranistin Ulrike Schneider, der Tenor Dong Won Kim und der Bassbariton Marc-OIivier Oetterli die 130 Zuhörer im Opernfoyer beeindruckten.

Zur pointierten Begleitung von Giulia Glennon und Walewein Witten gab es auch gesangliche Leckerbissen. Etwa in dem gemächlichen Walzer „Die grüne Hopfenranke“, in dem zunächst die beiden Frauen, dann die Männer, dann alle vier ihre Stimmen erblühen ließen.

Bevor noch einmal Brahms mit weiteren Liedern aus op. 65 zu Wort kam, wurde das „Spanische Liederspiel für eine oder mehrere Singstimmen“ von dessen „Entdecker“ Robert Schumann geboten. Neun Lieder von wesentlich feinerer Poesie als die Brahms-Reißer, die selten aufgeführt werden, aber den bekannten Liederzyklen kaum nachstehen. Vom Frauen-Duett „Erste Begegnung“ über das schwerblütige Sopranlied „Melancholie“ (ausdrucksstark gesungen von LinLin Fan) bis zum vierstimmigen „Ich bin geliebt“ zeigte das Quartett zur Begleitung von Giulia Glennon viel romantisches Gespür.

Mit der Bemerkung, dieses Lied treffe auch das Theaterleben, gab’s als Zugabe noch einmal „Nein, er ist nicht auszukommen mit den Leuten“ - selbstverständlich auch hier: pure Ironie. Viel Beifall.

Von Werner Fritsch

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