Beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters dominierten die Extreme

Wenn das Cello erzählt

Konzert der extremen Kontraste: Torleif Thedéen (Violoncello) und Patrik Ringborg (Dirigent) beim Sinfoniekonzert in der Stadthalle. Foto: Schachtschneider

Kassel. Was für Gegensätze! Schweres und Leichtes, Ernstes und Lustiges, beides in Reinkultur, bot das französische Konzertprogramm des Staatsorchesters am Montag in der Kasseler Stadthalle.

Das Ernste zuerst: In Henri Dutilleux’ 1970 uraufgeführtem Cellokonzert „Tout un monde lointain“ (Eine ganze Welt in der Ferne) verkörpert das Soloinstrument ein Individuum, das über seine Welt-Erfahrung spricht. Den fünf Sätzen sind Zitate aus Baudelaires „Blumen des Bösen“ vorangestellt. Und das riesig besetzte Orchester schafft dazu den Stimmungshintergrund. Diese ernsten Gesänge stellen eine gewaltige Herausforderung für jeden Solisten dar, spieltechnisch als auch gestalterisch.

Wenn ein so fantastischer Musiker wie der schwedische Cellist Torleif Thedéen diesen Part übernimmt, dann wird dieses vordergründig eher spröde Werk zu einem starken Erlebnis. Mit einem in allen Lagen substanziellen Ton, zupackend und sensibel, rhetorisch in jedem Moment überzeugend, gestaltete Thedéen diese vielgestaltige Klangrede - sensibel und souverän grundiert vom Staatsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg. Was soll man herausheben? Vielleicht den intensiven, extrem hohen Gesang des zweiten Satzes mit dem Titel „Regard“ (Blick). Den langen Beifall beantwortete Thedéen mit dem anrührenden katalanischen Lied „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel).

Weniger existenziell tiefgründig, aber wunderbar musikalisiert sind Maurice Ravels Märchen-Geschichten in der 1911 uraufgeführten Ballettmusik „Ma mère l’oye“ (Mutter Gans). Elegant und subtil setzten Patrik Ringborg und das Staatsorchester diese zauberhaften musikalischen Szenen um. Klangliche Effekte wie das knurrende Kontrafagott und die Silberklänge der Solovioline in „Les Entretiens de la Belle et la Bête“ wurden fein präsentiert, aber nie forciert. Ebenso die Exotismen in „Laideronnette, Impératrice des Pagodes“.

Ein musikalischer Spaß, entstanden in wenig spaßigen Zeiten, ist Darius Milhauds 1919 uraufgeführte Orchesterfantasie „Le bœuf sur le toit“ (Der Ochse auf dem Dach). Aus seinen brasilianischen Erfahrungen montiert Milhaud hier eine rondoartige Musik mit südamerikanischen Rhythmen, die immer neue Episoden und Einwürfe in „falschen“ Tonarten hervorbringt. Ein Stück grotesken Humors in kammermusikalischer Besetzung. Das Vergnügen auf Seiten der Musiker und des Dirigenten war sichtlich ebenso groß wie bei den Zuhörern im fast ausverkauften Saal.

Von Werner Fritsch

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