Uraufführung am Kasseler Staatstheater: „Im Sprung der toten Katze“ ist ein Stück über den Finanzmarkt

Wenn das Geld sich binden will

Liebesbegegnung der 20-Euro-Scheine: Eva Maria Sommersberg und Franz Josef Strohmeier. Foto: Klinger

Kassel. In einer Börse haben sich die beiden 20-Euro-Scheine kennengelernt. Sie bekommen Lust, sich zu binden und endlich nicht mehr zu zirkulieren. Verliebt setzen sie sich auf die Bank - doch mit dem Verzinsen kommen sie dann schlecht zurecht.

Besser geht es auch dem Bargeld nicht, das in einer Kasse zusammenlebt („Hier ist ja eine Luft wie in der Parkuhr“). Der kapitalismuskritische 50-Euro-Schein geriert sich als konservativer Krisenmahner, die griechische Zwei-Euro-Münze sieht ihren Wert sinken, und die eingebildete D-Mark wartet auf ihr Comeback. Sie gründen eine Bar als Anlaufpunkt für das immer weniger werdende Bargeld, doch keiner kommt, nur der Kapitalmarkt schaut kurz herein. Der ist aber längst selbst ein Fall für die Analytikerin.

Katja Hensel hat ein witziges Stück über den Finanzmarkt geschrieben, in dem das Geld selbst der Akteur ist: „Im Sprung der toten Katze“, nach einem Börsenbegriff benannt, erlebte seine freundlich beklatschte Uraufführung am Samstag im ausverkauften Kasseler Theater im Fridericianum.

Regisseurin Nicole Oder greift die schräge Grundkonstellation auf und zeigt die Figuren in einer abstrakten Comicwelt. Mit aufgegossen wirkenden Plastikfrisuren wie bei Barbies Ken agieren Alina Rank, Eva Maria Sommersberg, Christina Weiser, Peter Elter, Thomas Sprekelsen und Franz Josef Strohmeier vor einer weißen Wand, auf die mit drei Overhead-Projektoren Kulissen aus Licht und Schatten geworfen werden (Ausstattung: Wiebke Meier).

Die Schauspieler selbst legen die Schablonen von Comiczeichnerin Bente Theuvsen auf die Geräte, erzeugen den Schattenwurf einer Parkbank, einer Großstadtsilhouette, eines Friedhofs, einer Analytikercouch und fügen auch mal eine Sprechblase hinzu. Ein witziger, schöner Einfall, der dem skurrilen Plot eine zarte Leichtigkeit gibt.

Trotzdem dauert es zu lang, bis das Stück seine Mitte findet. Viele Textstellen behalten auch in der Bühnenfassung zu sehr den Charakter einer sprachlichen Assoziationsübung zum Thema Geld. So könnten die 90 Minuten deutlich gestrafft, viel irrwitziger auf die Spitze getrieben werden, wenn manch kalauernder Wortwechsel gekürzt („Wenn du noch einmal positiv sagst, reißt mir der Sicherheitsfaden“) und klarer eine Essenz herausarbeitet würde.

Denn natürlich stellt sich ein Verblüffungseffekt ein, ermöglichen es Autorin und Regisseurin durchaus zu begreifen, wie ähnlich die Geldmechanismen denjenigen unseres menschlichen Lebens sind. Stichwort: Mach mehr aus Dir.

Das klappt, wenn Eva Maria Sommersberg - die 20-Euro-Dame - auf dem Friedhof ihrer toten Mutter ihr Leid klagt („ich brauche mal ein vernünftiges Gespräch mit einer erfahrenen Währung“). Und erzählt, dass sie sich jetzt, wo sie nach all ihren Zinsen schauen muss, nach einer stabilen Bindung sehnt und die grenzenlose Freiheit, das Getriebensein mit dem Ziel ewiger Selbstverbesserung als Fluch sieht.

Als dann alles zusammenbricht, bleibt der Kapitalmarkt, dem Christina Weiser im weißen Anzug mit Menjou-Bärtchen etwas Dandyhaftes gibt, selbstbewusst. Mit raumgreifenden Gesten führt der sich ohnehin auf, als sei das Leben eine Showtreppe. Die Therapiesitzungen führen nicht zum Umsteuern, kleine Unsicherheitsanfälle werden wegdiskutiert. Und das tonlose Lachen erinnert an eine verführerische Raubkatze.

Wieder am 25.1., 8., 15.2., Karten: 0561-1094-222. Comic-Ausstellung von Bente Theuvsen ab 4.2. in der Caricatura.

Von Bettina Fraschke

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