Studenten der Schauspielschule Kassel spielten Harold Pinters „Der stumme Diener“

Wenn Gewissen zur Folter wird

Das Reizklima steigt: Janning Sobotta (von links) und Benjamin Wilke. Foto: Schachtschneider

Kassel. Was für eine armselige Behausung. Nicht mal Gas, um sich einen Tee zu kochen, finden Ben und Gus vor. Für einen speziellen Auftrag haben die beiden sich in dieser Absteige eingefunden. Sie sind überreizt, streiten über Banalitäten, als ginge es um ihr Leben. Doch genau darum geht es: um ihr Leben.

Eines, das besonders der sensible Gus nicht länger ertragen kann, weil die beiden Auftragskiller sind, Menschen gegen Bares ihr Leben nehmen. Mit dem Stück „Der stumme Diener“, geschrieben vom englischen Autor Harold Pinter (deutsch von Michael Walter), feierte die Schauspielschule Kassel am Freitag im Theater in der Wolfsschlucht unter der künstlerischen Leitung von Viktor Dell eine gelungene Premiere vor ausverkauften Rängen. Worum geht es in diesem Stück?

Im Grunde um Selbstzerstörung: Zwei Auftragskiller können ihr Morden nicht länger verkraften, ihm auch nicht entfliehen. Die Bilder holen sie ein: „Ich muss immer an dieses Mädchen denken. Nachher sah sie aus wie Brei“, sagt Gus (Janning Sobotta), und es klingt traumatisiert. Sein Partner Ben (Benjamin Wilke) verdrängt die Realität durch peniblen Ordnungswahn und wütende Aggressionen. Der eine hört sein Gewissen, der andere will es nicht hören.

Das Spiel schälte gelungen diese Kontraste heraus. Homo-erotische Zärtlichkeiten blitzen auf – Ventile, kurze Fluchten. Ihr nächstes Opfer kennen die beiden noch nicht. Ihren Auftraggeber bekommt das Publikum nicht zu sehen, erfährt aber einige seiner Instruktionen. In einem auf und ab fahrenden Speiseaufzug befinden sich groteskerweise notierte Aufforderungen, bestimmte Gerichte zu liefern. Die letzte Instruktion des unsichtbaren Auftraggebers wird für Gus zum tödlichen Verhängnis.

Viel Applaus für das intensive Spiel der Schauspielstudenten und für atmosphärisch spannende und bedrückende Ausstrahlung des Stückes.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.