Daniel Kehlmanns „Geister in Princeton“ über den Mathematiker Kurt Gödel am Deutschen Theater

Wenn es keine Zeit gäbe

Erkenntnis im Schnee: Nikolaus Kühn (links) und Paul Wennig (rechts) als russische Beamte mit Florian Eppinger als Gödel. Foto: Müller

Göttingen. Was würde ein Junge fragen, wenn er sich selbst als erwachsenem Mann begegnen könnte? Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt es. Am Samstag war Premiere für das amüsante Wissenschaftsstück „Geister in Princeton“ von Bestsellerautor Daniel Kehlmann. Viel Jubel gab es fürs Ensemble und die Regie von Antje Thoms.

Der Logiker Kurt Gödel (1906-1978) kommt hier gleich vierfach auf die Bühne: Als Kind, als junger Mann, als reifer Wissenschaftler und als Greis. Und weil Gödel mit dem Gedanken experimentiert hat, dass es keine Zeit gibt, dass also alle Momente unseres Lebens gleichzeitig stattfinden, können sich diese vier Gödels auch begegnen. Sie sitzen in schöner Eintracht auf der Bühne, jeder im braunen Zweireiher mit runder Brille auf der Nase, und diskutieren über Traum und Wirklichkeit.

Amelie Hensel hat auf die Bühne zwei große kreisrunde Löcher gebaut: einen Zeittunnel Die verschiedenen Ichs steigen von der Vorbühne durch die Öffnung in die Mitte, wo sich die Drehbühne dreht.

Kehlmann gelingt es, das Leben Kurt Gödels zu erzählen, und in dessen Stationen –philosophische Debatten mit Wiener Wissenschaftsfreunden, Ehe mit der fürsorglichen Adele, Emigration in die USA, Freundschaft mit Albert Einstein, Abdriften in den Verfolgungswahn – Gödels Theorien plastisch zu machen.

Das Stück vermittelt also nicht nur die Biografie eines genialen, am Rand des Wahnsinns lavierenden Denkers, sondern zugleich geballtes Wissen über den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, der in den 1930er-Jahren die Mathematik durcheinandergewirbelt hat: Es wird in einer Theorie immer Aussagen geben, die sich mit den in der Theorie akzeptierten Methoden nicht beweisen lassen. Und über Gödels Gedanken zur Möglichkeit von Zeitreisen.

So begegnet Gödel seinen Alter Egos aus anderen Jahren, er tauscht sich mit längst toten Wissenschaftskollegen aus. Schließlich stirbt er vereinsamt an Unterernährung, weil er so davon überzeugt ist, dass er vergiftet werden soll und deshalb nichts mehr isst.

Florian Eppinger spielt den Haupt-Gödel in einer Wolke von Unnahbarkeit, eingesponnen in die Geisterwelt, die ihm völlig real erscheint, und immer wieder für Verblüffung sorgend, wenn er auf einmal ganz im Hier und Jetzt ist. Gaby Dey ist seine tapfere Frau Adele, die am ewigen Aufopfern fast zugrunde geht. In kleinen Rollen sind Gerd Zinck, Lutz Gebhardt, Paul Wenning, Karl Miller, Nikolaus Kühn und Vanessa Czapla zu sehen. Fred Kerkmann sorgt an der Gitarre für emotionale Live-Musik - auch er im bebrillten Gödel-Outfit (Kostüme: Katharina Meintke).

Regisseurin Antje Thoms gelingt es mit Präzision und Lust am Witz, die verschachtelten Bedeutungsebenen zu erden. Besonders im Höhepunkt des Abends, der Szene, als Gödel auf einem Bahnhof in Russland aus dem Zug gewunken wird und sich mit zwei Beamten auseinandersetzen muss. Paul Wenning und Nikolaus Kühn in fiesen Altkleideranoraks mit Blechtassen voll Schnaps philosophieren so herrlich darüber, ob es die Provinzhauptstadt überhaupt gibt, dass klar wird: Bei den wodkaseligen Knallchargen im sibirischen Schneegestöber haben Zeit und Raum ohnehin keine Bedeutung.

Nächste Termine am 18., 26.10., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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