Gelungener Saisonstart am Kasseler Opernhaus: Philipp Kochheim inszeniert Puccinis „La Bohème“

Wenn die Poesie triumphiert

Szene aus dem prallen Pariser Leben: (vorn von links) Colline (Krzysztof Borysiewicz ), Marcello (Espen Fegran ), Rodolfo (Johannes An), Mimì (Sara Eterno), Schaunard (Tomasz Wija) und Françoise (Katja Friedenberg) mit Mitgliedern des Opernchors. Foto: Klinger

Kassel. Das Filmplakat in der Pariser Künstler-WG lügt: „Tout va bien“ - Alles geht gut - lautet der Titel des sozialkritischen Films von Godard. Doch das Publikum im ausverkauften Kasseler Opernhaus weiß: Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ endet traurig.

Regisseur Philipp Kochheim hat die Erfolgsoper im Paris der späten 1960er-Jahre angesiedelt. Sehr realistisch zeichnet die Bühne von Thomas Gruber eine Bohème, die sich auf der Höhe jener Zeit befindet: Die Künstler arbeiten mit dem Medium Film, und folgerichtig ist bei den Straßenszenen das Filminstitut Cinématèque française ihr Bezugspunkt.

Etwas ziellos leben die vier, Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline, vor sich hin. Die Haare sind schon etwas länger (Kostüme: Wiebke Meier), und um etwas Wärme in die Wohngemeinschaft zu bringen, landet am Weihnachtsabend ein Drehbuch im Kamin. Regisseur Kochheim heizt zusätzlich ein - mit der dazu erfundenen stummen Rolle des Mädchens Françoise (Katja Friedenberg) und einer Badewanne.

Es ist die Stille vor dem Sturm - gesellschaftlich wie in den privaten Beziehungen. Zuerst bricht er los, als die Näherin Mimì (Sara Eterno) sich zu Rodolfo (Johannes An) verirrt. Wie ihre Liebe beginnt, allerdings nicht ganz auf den ersten Blick, zeigt Kochheim wie unter dem Mikroskop. Eine Genauigkeit, die falsches Pathos vermeidet und wunderbar mit der klaren, manchmal fast schroffen, veristischen Realisierung der Partitur durch Kassels Ersten Kapellmeister Marco Comin korrespondiert,

Fast desinteressiert hört sich Rodolfo Mimìs berühmte Vorstellung „Mi chiamano Mimì“ (Man nennt mich Mimì) an. Erst ihre poetische Seite, als sie den „Kuss des Frühlings“ beschwört, elektrisiert den Dichter. Und die Musik, eben noch nüchtern untermalend, vollzieht diesen Wandel aus dem Orchestergraben mit. Was Kochheim und Comin hier gelingt, ist nicht weniger als die Bewahrung der Poesie vor dem Kitsch, durch den diese Oper leider allzu oft entstellt wird.

Natürlich geht das nicht ohne hervorragende Sänger-Darsteller. Am komplettesten verkörpert dies Sara Eterno. Ihre Mimì vermag stimmlich jede Regung auszudrücken, Glück und Überschwang, Schlichtheit und Kummer. Spitzentöne im Piano gelingen perfekt, und das Parlando ist von beredter Natürlichkeit.

Johannes An ist ihr ein starker Partner, der nicht nur das Spitzen-C mühelos beherrscht, sondern auch, nach etwas gespanntem Beginn, die Balance zwischen Intensität und kantablem Fluss findet.

Kaum weniger Akzente setzt das zweite Paar: Nina Bernsteiner verkörpert die temperamentvoll-kokette Musetta mit Bravour, und Espen Fegran ist ein etwas rauer, aber markiger Marcello. Stimmlich klar und mit lässiger Präsenz gibt der neu engagierte Bariton Tomasz Wija den Musiker Schaunard. Von feiner Ironie durchzogen ist der Abgesang Krzysztof Borysiewiczs als brummiger Philosoph Colline auf seinen Mantel, den er versetzt, um Medizin für Mimì zu kaufen.

So wenig diese Kasseler „Bohème“ das Pathos überspannt, so sehr hütet sie sich gleichzeitig vor dem plump Komödiantischen. Die Pariser Straßenszenen verströmen detailreich Lokalkolorit, und musikalisch bewältigen die Chöre samt Kinderchor selbst die sehr raschen Tempi des Dirigenten bestens.

Die Stürme von 1968 deuten sich in den Barrikaden vor der Cinémathèque française zwar an. Was dort losbrechen wird, bleibt jedoch ausgespart. Konkret bricht das Sterben Mimìs in das Leben der Schar, und es gehört zu den Stärken der Oper wie auch dieser Inszenierung, dass sie keinen falschen Trost anbieten. Immerhin reden die delikaten, im Orchester leitmotivisch wiederkehrenden Melodien des Anfangs von gelebtem Leben. Heftiger Applaus für alle Beteiligten.

Wieder am 18. und 21.9. sowie 2. und 7.10. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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